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Reha mit Herz

In der Rehaklinik Hochstaufen geht es um Herzensangelegenheiten: Dominik Kraus muss alte Ängste überwinden und Nderim Meha sich an ein neues Herz gewöhnen. Ein Besuch in Bayerisch Gmain.

Das Bild zeigt einen Mann mit Glatze und Brille der in die Kameralächelt. Im Hintergrund ich ein roter Folienluftballon in der Form eines Herzes zu sehen.
Darum sollten Sie diesen Artikel lesen:

Der Artikel erzählt zwei berührende Geschichten aus der Herzrehabilitation und zeigt, warum Reha mehr ist als körperliches Training. Er macht Mut, gibt Einblicke in moderne Behandlungskonzepte und zeigt, wie Menschen lernen, ihrem Herzen wieder zu vertrauen.

Text: Anke Kotte
Reha
01/2026

Dominik Kraus ist gerne pünktlich. Deshalb federt er mit schnellem Schritt den Gang der Rehaklinik Hochstaufen der Deutschen Rentenversicherung in Bayerisch Gmain entlang zum nächsten Termin auf seinem Behandlungsplan: 14 Uhr, Ergometer. Er hat ein straffes Programm, das aus einer Fülle von Anwendungen, Bewegungstrainings, Gruppen- und Einzeltherapien besteht und seine Tage gut ausfüllt. Dies ist bereits die zweite Reha des 48-Jährigen. Er ist schlank, durchtrainiert, raucht nicht, trinkt kaum Alkohol – und doch hat er Herzprobleme. Es begann damit, dass er beim Sport kurzatmig war, einen Druck auf der Brust spürte und weit unter seinen normalen Jogging- Leistungen blieb. „Ich führte das zunächst auf eine Corona-Infektion zurück, die ich 2022 hatte“, erzählt er. Dominik Kraus erhöhte sein Trainingspensum, um wieder auf sein altes Level zu kommen. „Aber das Gegenteil trat ein, meine Leistungen wurden noch schlechter.“

Das Bild zeigt einen lächelnden Mann mit kahlem Kopf, der eine Brille trägt und ein dunkelblaues T-Shirt mit einem grafischen Design von einer Sonne und Wellen trägt. Im Hintergrund ist ein rotes Luftballon sichtbar. Er wirkt freundlich und entspannt.

„Ich hätte jederzeit tot umfallen können – das war ein Schock für mich.“

Dominik Kraus (48)
macht seine Reha im Reha-Zentrum
Bayerisch Gmain, Klinik Hochstaufen

Im Februar 2023 machte er ein Belastungs- EKG und musste nach nur einer Minute auf dem Rad abbrechen. Es folgten die sofortige Einweisung ins Krankenhaus, eine Herzkatheteruntersuchung und die Gewissheit, dass ein Bypass gelegt werden musste. „Die Ärzte erklärten mir, dass die Hauptarterie fast ganz zu ist. Es war ein Schock für mich.“ Die Diagnose passte so gar nicht zu seinem gesunden Lebensstil. Nie zuvor hatte er sich über sein Herz große Gedanken gemacht und nun eröffnete ihm der Arzt, wie ernst die Situation ist. „Dass ich jederzeit tot umfallen könnte – ein Schlag ins Gesicht.“

Nicht immer sind es Risikofaktoren

Kein anderes Organ trägt so viel Symbolkraft in sich wie das Herz. Was, wenn es nicht mehr so schlägt wie gewohnt? Erkrankungen am Herzen gehören in Deutschland zu den häufigsten Todesursachen. Rund die Hälfte der Fälle sind laut Deutscher Herzstiftung auf Risikofaktoren wie Übergewicht, ungesunden Lebensstil und Diabetes zurückzuführen. Die gute Nachricht: Man kann dagegen etwas tun. Die meisten Menschen können ihr Risiko für Herzerkrankungen deutlich senken, wenn sie beispielsweise aufhören zu rauchen, sportlich aktiv werden, auf eine ausgewogene Ernährung achten und ihr Gewicht in den Normalbereich bringen. 

„Allerdings sind gleichzeitig knapp 50 Prozent des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht durch diese Faktoren erklärt und bedürfen weiterer wissenschaftlicher Aufarbeitung“, erklärt Dr. Christina Magnussen. Die Professorin ist stellvertretende Direktorin der Klinik für Kardiologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.

Der Ärztliche Direktor PD Dr. Sebastian Göbel im Gespräch mit seinem Patienten Dominik Kraus.

Dominik Kraus ist ein solcher Fall, bei dem die Ursache für seine Herzerkrankung nicht ermittelt werden konnte. Mehr als acht Stunden dauerte seine Operation. Sie hat nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Seele mitgenommen. Was, wenn es wieder passiert? Schon zwei Tage nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus ging es in eine vierwöchige Anschlussrehabilitation in der Nähe seines Wohnorts. „Einerseits war es schön, die Familie auch während der Reha am Wochenende zu sehen. Andererseits bekommt man den Kopf nicht frei, weil der Alltag so nah ist“, resümiert Dominik Kraus. Die Reha verlief gut, Kraus kehrte zu seiner Frau und den drei Kindern im Teenageralter zurück, und auch seine Arbeit als IT-Projektleiter nahm er wieder auf. „Nach der Reha ging es mir körperlich sehr gut. Aber psychisch habe ich Probleme bekommen“, erzählt er. „Ich fiel in ein Loch, weil ich nicht verstehen konnte, warum es mich trifft. So, wie ich gelebt habe, ergab es keinen Sinn.“ Und dann spürte er wieder den Druck auf der Brust. „Ich bekam Angst, weil ich dachte: Jetzt geht es wieder los.“

Informationen

Starkes Herz

Herzsport wird in der Regel ärztlich verordnet. Es geht darum, das Herz- Kreislauf-System, den Bewegungsapparat, den Stoffwechsel und die Psyche zu stärken. Gerade Ausdauersport wie zügige Spaziergänge, Nordic Walking, Radfahren, Schwimmen oder Joggen wirken sich positiv aus. So wird unter anderem das Herz-Kreislauf-System gefördert, es hilft, den Blutdruck, erhöhte Blutfettwerte und den Blutzuckerspiegel zu senken und das Risiko eines erneuten Herzinfarkts zu reduzieren. Auf psychologischer Ebene kann es den Effekt haben, dass Angstgefühle schwinden. 

Viele Sportvereine und andere Anbieter verfügen über verschiedene Herzsportangebote. Die Teilnehmenden trainieren beispielsweise ein- bis zweimal pro Woche in Gruppen und unter ärztlicher Aufsicht. Zum Programm gehören Koordinationstraining ebenso wie Gymnastikübungen sowie Ausdauer- und Krafttraining.

t1p.de/Herzsportgruppe-finden

Mit der Angst umgehen lernen

Die intensiven Untersuchungen bei seiner Kardiologin zeigten keine Auffälligkeiten. Sein Herz sei gesund, beschied sie ihm. Aber trotzdem spüre er zu Beginn jeder Belastung einen Druck auf der Brust. „Meine Ärztin erklärte mir, dass auch eine Angststörung dahinterstecken könnte. Um das herauszufinden und zu bearbeiten, bin ich in die Reha nach Bayerisch Gmain gekommen“, erläutert Kraus. In Bayerisch Gmain durchläuft er nun die psychokardiologische verhaltensmedizinisch orientierte Rehabilitation (VOR). 

Viele Menschen mit einer Herzerkrankung trauten ihrem Körper nicht mehr, erläutert PD Dr. Sebastian Göbel, Ärztlicher Direktor im Reha-Zentrum Bayerisch Gmain, einer Klinik der Deutschen Rentenversicherung (siehe Interview, Seite 11). In der Reha könnten die Betroffenen lernen, mit ihren Ängsten rund um das Herz umzugehen.

Ein Mann mit Brille trainiert lächelnd auf einem Ergometer, ein Handtuch liegt über seinen Schultern; im Hintergrund ein weiterer Mann beim Training.

VOR richtet sich an Menschen mit einer körperlichen Erkrankung, die auch psychisch stark belastet sind. „Ich habe eine feste Gruppe von acht Patienten, mit denen ich die Reha gemeinsam durchlaufe“, sagt Kraus. „In der psychologischen Gruppentherapie teilen wir unsere Erfahrungen – und das geht in die Tiefe. Es steht jedem offen, wie sehr er sich öffnet, aber weil wir den Raum haben, sprechen wir sehr offen darüber, was uns belastet ersund Angst macht. Das schweißt zusammen.“ Deshalb würden sie an den Wochenenden auch viel miteinander unternehmen. 

Zwischen seinem Wohnort Grevenbroich und Bayerisch Gmain liegen 750 Kilometer. Da sind Wochenendbesuche der Familie nicht möglich. „Ich habe das Gefühl, es tut mir gut, einmal ganz raus aus meinem Alltag zu sein“, sagt Kraus. Er befindet sich noch mitten in der vierwöchigen Reha. Bei seinem Klinikaufenthalt steht für ihn im Vordergrund, wie er mit der psychischen Belastung umgehen kann. Neben den Therapien schätzt er besonders die Wissensvermittlung in Form von Vorträgen zu Kardiogesundheit, Ernährung, Schlafproblemen, Entspannungsmöglichkeiten und vielen anderen relevanten Themen.

Das Herz eines anderen

Ein Mann mit Bart steht im Freien, trägt eine helle Jacke und einen grünen Pullover; im Hintergrund herbstliche Bäume.

Ein anderer Patient, Nderim Meha aus dem baden-württembergischen Ravensburg, hat seine Reha bereits hinter sich. Der 33-Jährige ist ein ganz besonderer Rehabilitand und hat das Team um den Kardiologen PD Dr. Göbel nachhaltig beeindruckt. Meha ist der erste, der in der Klinik Hochstaufen nach einer erfolgreichen Herztransplantation zur Anschlussrehabilitation aufgenommen wurde. 

Schon als Kind wurde bei Nderim Meha, dessen Familie aus dem Kosovo stammt, eine erblich bedingte Herzerkrankung festgestellt: Die arrhythmogene rechtsventrikuläre Kardiomyopathie (ARVC), die vor allem zu Herzrhythmusstörungen und Herzinsuffizienz führen kann. Bis vor einem Jahr verlief das Leben des IT-Spezialisten für Cloud Engineering dennoch relativ normal. Doch dann verschlechterte sich sein Zustand. Er bekam immer schwerer Luft und war häufig völlig erschöpft.

Das Bild zeigt einen Mann mit einem gepflegten Bart, der in einem beigefarbenen Pullover sitzt. Er hat ein leichtes Lächeln im Gesicht und schaut in die Kamera. Der Hintergrund ist schlicht und hell, und seine Hände sind auf einem Tisch abgelegt. Er wirkt freundlich und entspannt.

„Das Gefühl nach der Transplantation war extrem.“

Nderim Meha (33),
IT-Spezialist aus Ravensburg

Die Kräfte kehren langsam zurück

„Ich habe bereits seit über 20 Jahren mit dem Bewusstsein gelebt, dass ich vielleicht einmal ein neues Herz benötigen werde“, erklärt er. Deshalb sah er dem Eingriff relativ gelassen entgegen. „Die Wartezeit im Krankenhaus war dennoch belastend, denn ich wusste natürlich nicht, wann ich ein Spenderherz erhalten würde“, erzählt Nderim Meha. Er kam auf die Hochdringlichkeitsliste für eine Herztransplantation. Und hatte Glück: Schon nach wenigen Wochen fand sich ein geeignetes Herz. Es wurde ihm in einem spezialisierten Herzzentrum in München transplantiert. „Das Gefühl nach der Transplantation war extrem. In den ersundten Tagen konnte ich nicht einmal einen Joghurt löffeln, weil die motorischen Fähigkeiten so eingeschränkt waren. Das war beängstigend.“ Doch die Kräfte kehrten zurück. Nach etwa zehn Tagen durfte er bereits aufstehen, erste Schritte wagen, die Muskulatur ein wenig aufbauen. Nach fünf Wochen ging es zur Anschlussrehabilitation nach Bayerisch Gmain. „Die Rehabilitation nach einer Herztransplantation erfordert höchste medizinische Präzision, aber auch ein Umfeld, das körperliche und seelische Stabilität fördert“, erklärt Chefarzt PD Dr. Göbel. „Mit unserem interdisziplinären Team und der schönen Umgebung hier in Bayerisch Gmain bieten wir dafür optimale Voraussetzungen.“

Hände sortieren Tabletten aus einer Blisterpackung in eine beschriftete Medikamentenbox mit Tagesfächern.

In der Reha erhielt Nderim Meha neben der engmaschigen kardiologischen Überwachung auch das Angebot, sich psychologisch betreuen zu lassen. Doch anders als bei Dominik Kraus, für den seine Herzerkrankung aus dem Nichts kam, wusste Meha sein Leben lang, dass er wahrscheinlich eine Transplantation brauchen wird. Wenige therapeutische Gespräche reichten ihm aus, um den Eingriff zu verarbeiten. 

Umso wichtiger war für ihn sein individuell abgestimmtes Bewegungstraining. Dazu gehören tägliche Ergometer-Einheiten, Zirkeltraining, Gymnastik für Thoraxpatienten und eine spezielle Ernährungsberatung. „Anfangs schaffte ich drei Stockwerke und 20 Minuten leichtes Ergometerfahren. Am Ende der Reha konnte ich eine Stunde spazierengehen und beim Ergometertraining war nicht die Belastung das Limit, sondern meine schwache Muskulatur. Die muss ich weiter aufbauen“, sagt Meha. Nach vier Wochen Reha fühlte er sich fit genug, um nach Hause zu fahren. „Ich war von Anfang April bis Ende August in Kliniken. Irgendwann möchte man einfach nach Hause.“

Ein Mann kocht in einer hellen Küche, rührt in einem Topf auf dem Herd und hält den Topfdeckel in der Hand.

Zurück in Ravensburg trainiert er weiter auf dem Ergometer und hofft, gut zwei Monate nach seiner Entlassung aus der Reha wieder in seinen Job zurückkehren zu können. „Ich fühle mich fitter als vorher und kann es kaum erwarten, wieder ganz normal zu leben.“ 

Der junge Mann sei hoffnungsvoll und könne das auch sein, betont PD Dr. Sebastian Göbel. „Es war toll zu sehen, wie sich sein Zustand während der Reha Woche für Woche verbesserte.“ Er konnte immer weitere Strecken gehen und hat Kraft aufgebaut. „Das berührt einen. Und es macht uns froh, dass wir unseren Teil dazu beigetragen haben, dass er wieder zurück ins Leben findet. So etwas bleibt haften.“