Reha, wie du willst
Die letzte Reha-Woche zu Hause? Reha-Nachsorge im eigenen Wohnzimmer? Digitale Angebote sind effektiv und werden immer beliebter.
Lesen Sie den Artikel, um zu erfahren, wie digitale Reha und Nachsorge mehr Flexibilität ermöglichen und den Übergang in den Alltag erleichtern – wirksam, alltagsnah und immer häufiger direkt von zu Hause aus.
Frühgymnastik im Pyjama? In vielen Rehakliniken der Deutschen Rentenversicherung ist das nicht ungewöhnlich. Auf dem TV-Bildschirm im Patientenzimmer sind dann hauseigene Physiotherapeuten zu sehen, die die Übungen vormachen und erklären, was sie dem Körper Gutes tun. Auch Wissenswertes zur Ernährung oder Schlafhygiene ist häufig als Videovortrag verfügbar. Viele dieser digitalen Angebote sind in den Coronajahren entstanden und so gut angekommen, dass sie als zusätzliches Programm in den Reha-Einrichtungen beibehalten und weiterentwickelt wurden.
Doch bei den digitalen Errungenschaften aus der Pandemiezeit allein soll es nicht bleiben. Die Deutsche Rentenversicherung erprobt derzeit auch die Möglichkeit, die letzte Woche einer Reha digital zu Hause zu absolvieren. Aus gutem Grund: Vielen Rehabilitanden fällt nach der Auszeit in der Klinik der schlagartige Übergang zum Alltag schwer. Was läge da näher als eine Mischform auszuprobieren? Sich zu Hause bereits wieder eigenständig zu versorgen und in der Familie zu sein, aber gleichzeitig noch weiter von der Klinik digital betreut zu werden? Sport und Bewegung, Einzelgespräche, Gruppentherapie, Vorträge, Tagesstruktur – all das findet mithilfe des Tablets oder Laptops statt.
Besonders geeignet für Modellprojekte ist die psychosomatische Reha, die in der Regel fünf Wochen dauert und bei der die Betroffenen besonders häufig Probleme haben, in den Alltag zurückzufinden. Die Machbarkeit einer solchen Kombi-Reha hat eine Studie bereits nachgewiesen, erklärt Kristina Kulisch, tätig im Dezernat Reha-Wissenschaften bei der Deutschen Rentenversicherung Bund. „Nun geht es darum nachzuweisen, dass eine teilweise digital durchgeführte Reha genauso wirksam ist wie eine in Präsenz.“ Ist die Wirksamkeit nachgewiesen, könnte eine solche Reha jedem Versicherten angeboten werden. „Natürlich freiwillig“, betont Kulisch. „Eine digital flexibilisierte Reha erleichtert den Übergang in den Alltag. Auch die digitale Nachsorge kann sich besser anschließen.“
„Feedback ist wichtig, damit die digitalen Angebote angepasst werden können.“
Daniela Sewöster,
Dezernat Reha-Wissenschaften, Deutsche Rentenversicherung Bund
Digitale Nachsorge immer beliebter
Denn um die Erfolge der Reha zu festigen, ist für viele Menschen eine Nachsorge entscheidend. Doch was, wenn zu Hause in absehbarer Zeit kein Psychotherapeut zu finden ist und auch das nächste Nachsorgeprogramm zu weit weg ist, um es in den Berufsalltag zu integrieren? „Das Nachsorgeangebot Psy- RENA ist im Wesentlichen für Versicherte gedacht, die beispielsweise mit einer Depression oder Anpassungsstörung in einer psychosomatischen Reha waren“, erklärt Daniela Sewöster, Expertin für Reha-Nachsorge im Dezernat Reha-Wissenschaften. Die Erkrankung sei schließlich nach fünf Wochen nicht vorbei und die Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz sehr lang. Die entsprechenden Nachsorgemöglichkeiten existieren in Präsenz bereits seit Langem und seien inzwischen ins „digitale Setting“ übertragen worden. Dazu wird für die Gruppentherapie eine Software eingesetzt, die auch Ärzte für ihre Videosprechstunden benutzen. „So sorgen wir dafür, dass die Gespräche in einem gesicherten digitalen Raum stattfinden.“ Und die Zahlen sprechen für sich: Ließen sich die Teilnehmer einer solchen Nachsorge 2019 fast noch an zwei Händen abzählen, haben im Jahr 2024 bereits 4.300 Versicherte eine digitale Psy- RENA in Anspruch genommen.
„Digitale Reha kann den Übergang in den Alltag erleichtern.“
Kristina Kulisch,
Dezernat Reha-Wissenschaften, Deutsche Rentenversicherung Bund
Fitness per App
Auch für die orthopädische Reha hat sich bereits ein digitales Nachsorge-Angebot etabliert. „Das ist ja genau das Richtige für mich“, schießt es Sandra Urban durch den Kopf, als sie bei der Einführungsveranstaltung im thüringischen Reha-Zentrum Bad Frankenhausen von der digitalen Reha-Nachsorge erfährt. Sie wohnt in einem kleinen Dorf und müsste für die Reha-Nachsorge in Präsenz viele Kilometer fahren. Wer in einer ländlichen Region wohnt, im Schicht- oder Außendienst arbeitet oder kleine Kinder hat, dem fällt es schwer, zwei Mal die Woche eineinhalb Stunden plus Anfahrt in den Alltag zu integrieren. Ein digitales Angebot ermöglicht mehr Flexibilität.
Auch Sandra Urban wäre es zu viel, neben ihrer Berufstätigkeit als Büroleiterin eines kleinen Handwerksbetriebes und ihrer Familie noch lange für die Nachsorge zu einer Reha-Einrichtung zu fahren. Andererseits will sie „so viel wie möglich in meinen Alltag mitnehmen“. Denn die 45-Jährige leidet seit Jahren an chronischen Schmerzen an den Halswirbeln. „Ich kann mich schon gar nicht mehr an die Zeit erinnern, als ich keine Schmerzen hatte“, erzählt sie.
In jeder neuen Gruppe, die freitags vom Chefarzt Dr. Peter Eisermann in der Klinik im thüringischen Bad Frankenhausen begrüßt wird, finden sich acht bis zehn Rehabilitanden, die sich für die digitale Nachsorge interessieren. In einem speziell dafür eingerichteten Raum hilft der leitende Physiotherapeut Daniel Weber den Interessenten, auf dem Handy oder Tablet die entsprechende App einzurichten und das Programm schon während der Reha kennenzulernen. „Jeder kann es einfach mal ausprobieren, es verpflichtet erst einmal zu nichts“, sagt Weber.
Einen großen Vorteil haben die verschiedenen Reha-Apps auf jeden Fall: Man kann sich jede Übung so oft anschauen, wie man möchte. Schaltet man außerdem die „Spiegel“-Funktion ein, lassen sich die eigenen Bewegungen neben der Vorlage aus der App ansehen und vergleichen. Die eigene Übung kann auch mit der Videofunktion aufgenommen und an die Physiotherapeuten gesendet werden.
Lehrküche zu Hause
Auch bei den speziellen Nachsorgeprogrammen wie beispielsweise für Adipositas „ist der digitale Rahmen ideal“, sagt Reha-Nachsorge-Fachfrau Sewöster. Ein Beispiel: „In einer Lehrküche in Präsenz kochen zwölf Personen dasselbe Gericht.“ Digital könnten sich dagegen die einzelnen Personen unter mehreren Rezepten das aussuchen, was am besten zu ihrem Alltag und ihrer Familie passt. So kann die Lehrküche viel stärker individualisiert werden. Anschließend wird es fotografiert und hochgeladen. „Feedback ist wichtig, damit die digitalen Angebote angepasst werden können“, sagt Sewöster.
Immer mehr Rehakliniken stellen außerdem ihr eigenes Reha-Nachsorge- Programm zusammen – mit Videos der dann den Rehabilitanden bereits bekannten Therapeuten. Diese Videos werden schon in der Reha genutzt und gehen dann nahtlos in die Nachsorge über.