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Gemeinsam statt einsam

Wie ein Oranienburger Projekt aus Nachbarn Verbündete im Alltag macht

Vier ältere Personen, die gemeinsam an einem Tisch sitzen und frühstücken.
Darum sollten Sie diesen Artikel lesen:

Der Artikel zeigt eindrucksvoll, wie wichtig Gemeinschaft, Engagement und gegenseitige Unterstützung im Alter sind. Er macht Mut, weil er erzählt, wie aus kleinen Begegnungen echte Verbundenheit und neue Lebensfreude entstehen können.

Text: Liv Pelikan
Prävention
Berlin
Brandenburg
02/2026

Der Duft von frischem Kaffee liegt in der Luft, der Brötchenkorb wandert von Hand zu Hand. Es ist Montagmorgen, der Frühstückstreff im Oranienburger Ortsteil Friedrichsthal hat begonnen. An der langen Tafel sitzen neun Frauen und drei Männer, sie alle kommen aus Oranienburg und freuen sich über das Beisammensein. Sie wollen sich austauschen, zuhören oder einfach nicht alleine sein. „Was geht es uns gut!“, sagt Marga Schlag und lächelt in die Runde. 

Der Frühstückstreff ist eines von vielen Angeboten des Projekts „Treffpunkt Mensch, Mitmensch“, das in den Stadtteilen Oranienburgs aktiv ist. Offen für alle betagten Menschen, pflegenden Angehörigen oder direkt von Pflege Betroffenen, gegenwärtig oder in naher Zukunft. Es gibt Musikcafés, Sprechstunden, Informationsveranstaltungen, aber auch ein Bustraining mit dem Rollator oder das „Klappstuhl-Theater“. Und dank des „Mitmensch-Mobils“ sind Hausbesuche bei denen möglich, die das Haus nicht mehr alleine verlassen können.

Mit am Tisch sitzen Jana Poppe und Sandra Ganschow, die beiden Projektmitarbeiterinnen. Sie kennen die Namen, fragen nach und hören zu. „Wir sind die mit dem Kümmerer-Ohr und die Vernetzer“, sagt Jana Poppe. „Wir helfen so niederschwellig wie möglich, beraten und vermitteln weiter, wenn professionelle Hilfe nötig ist.“ Während man beisammensitzt, finden Informationen ihren Weg, eher beiläufig. Es geht um den geplanten Vortrag einer Hausärztin zum Thema Demenzprävention, um Möglichkeiten, die Wohnung altersgerechter zu gestalten, oder darum, wie das mit der Rente für pflegende Angehörige funktioniert. Ohne Termin, ohne Formular, einfach im Gespräch. Jana Poppe, die Frau mit den lachenden Augen und der angenehmen Stimme, bringt viel Erfahrung in der Arbeit mit Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen mit. Viele Jahre begleitete sie beim Berufsförderungswerk (BfW) Menschen bei beruflichen Neuanfängen. Damals ging es um Umschulungen, neue Perspektiven nach Krankheit und dem ungewollten Bruch im Lebenslauf. Heute geht es um die eigene Akzeptanz für mehr Unterstützung im Alltag, um das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. „Einsamkeit kann ein großes Thema sein, gerade bei Menschen, deren Lebensumfeld kleiner wird.“

Porträt von Jana Poppe

„Wir sind die mit dem Kümmerer-Ohr und die Vernetzer.“

Jana Poppe

Brandenburg altert

Gefördert durch den Pakt für Pflege Brandenburg und die Stadt Oranienburg trifft das Angebot einen Nerv. Brandenburg altert, bereits heute ist jede dritte Person 60 Jahre oder älter, viele Menschen leben allein. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, auf Unterstützung angewiesen zu sein. Aktuell gelten in Brandenburg 214.000 Menschen als pflegebedürftig, fast 89 Prozent von ihnen werden zu Hause versorgt, meist durch Angehörige. Die Herausforderungen sind enorm, für Familien und Nachbarschaften.

Angebote wie der Frühstücktreff setzen genau hier an. Sie schaffen Orte für Austausch und Unterstützung, sie stärken den Zusammenhalt, bevor Isolation entsteht.

Menschen, die den Treff tragen

Damit aus Begegnungen verlässliche Treffpunkte werden, braucht es beides: Menschen, die sich engagieren, und Strukturen, die dieses Engagement tragen. Ehrenamtliche wie Carmen Pioretzki füllen die Treffen mit Leben. Heute Morgen kam sie als Erste, hat die Tische gedeckt, Tee und Eier gekocht. Carmen ist eine, die weiß, was sie will, und einfach macht. 42 Jahre arbeitete sie im zivilen Dienst der Bundeswehr.

Mit 65 Jahren plus 11 Monaten ist sie in Rente gegangen und trotzdem nicht stehen geblieben. Am Wochenende hilft sie beim Frühstücksservice in einem Potsdamer Hotel, im Sommer zusätzlich in einem Imbiss am See. Aktivrente, im wahrsten Sinne des Wortes. Zwei Kinder und sechs Enkel wohnen in der Nähe, das Verhältnis ist innig, aber Carmen nutzt ihre Energie auch für andere: Sie ist aktiv im Vorstand des Seniorenbeirats der Stadt und im Kulturverein. Routiniert sammelt sie die sechs Euro ein, die den Einkauf finanzieren, und fragt dabei nach den Essenwünschen für das nächste Mittagstreffen. Sie hat immer einen Zettel dabei, falls ihr ein Name einfällt, eine Idee, eine mögliche Verbindung. Ihr Kopf rattert, sagt sie selbst – und ihr Gesicht verrät die Freude daran. Tiefe Lachfalten, energiegeladen, ein einladendes Wesen. „Es geht um das Lächeln, das wir den anderen ins Gesicht zaubern“, sagt sie und meint genau diesen Moment.

Porträt von Carmen Pioretzki

„Es geht um das Lächeln, das wir den anderen ins Gesicht zaubern.“

Carmen Pioretzki

Auch Marga ist eine, die hinschaut und in Lösungen denkt. 67 Jahre alt, frühere Krankenschwester, sie kennt viele Lebenswege. Frühberentet, zwei Kinder, die weit weg leben, keine eigenen Enkel. Dafür hat sie heute zwei „Zieh-Enkel“ aus dem Kinderhaus im Ortsteil Malz, die donnerstags mit ihr und anderen basteln, nähen oder malen und nun auch mal einfach so bei ihrer Wunsch-Oma vor der Tür stehen. „Der Hauptgewinn für beide Seiten!“, sagt sie. Das Kreativtreffen hat sie selbst ins Leben gerufen, eine echte Herzensangelegenheit. „Glück muss man doch teilen, sonst zerplatzt man!“ Man glaubt ihr sofort. Ihre Jugendliebe Lothar ist heute auch dabei, eigentlich ein eingefleischter Junggeselle, der gut allein sein kann. Aber sie haben einen Deal: Zwei Mal im Monat begleitet Lothar seine Marga zu den Treffen. „Weil wir Kontakte brauchen. Das tut ihm auch gut!“ Er sagt nicht viel, aber er ist dabei. So wie Dieter. Eigentlich wollte er als Rentner auf die Philippinen fliegen und dort leben, doch dann kam Corona, der weltweite Stillstand. Und so blieb er in Oranienburg und packt mit an, wo er kann. „Jetzt bin ich so was wie der erste Assistent von Sandra Ganschow. Solange Sandra hier ist, bleibe ich auch!“ Beide lachen und strahlen sich an. Überhaupt liegt ganz viel Wärme in der Luft, die Menschen tun sich gut.

Porträt von Marga Schlag

„Glück muss man doch teilen, sonst zerplatzt man!“

Marga Schlag

Das Projekt „Treffpunkt Mensch, Mitmensch“ schafft mit seinen Projektmitarbeiterinnen den organisatorischen Rahmen, vernetzt und hält die Fäden zusammen. Erst das Zusammenspiel von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen macht Angebote wie den Frühstückstreff möglich. Damit das so bleibt, braucht es Verlässlichkeit. „Mein Wunsch ist Verstetigung“, sagt Jana Poppe. „Dass das, was wir hier mit viel Geduld und Herz aufgebaut haben, langfristig gesichert wird.“

Nach zwei Stunden leert sich der Raum langsam. Tassen werden eingesammelt, Stühle zurückgeschoben. Gespräche klingen nach. „Bis zum nächsten Mal“, sagt jemand im Hinausgehen. Der Frühstückstreff endet, der Zusammenhalt nicht. Er wirkt weiter – in Friedrichsthal, im Alltag, im Gefühl, nicht allein zu sein.

Informationen

„Treffpunkt Mensch, Mitmensch“ versteht sich als Bindeglied zwischen den Einwohnern der Stadt Oranienburg und den ansässigen Beratungsstellen sowie Pflegedienstleistern, möchte Gestalter für mehr Lebensqualität sein. Das Projekt wird gefördert durch „Pakt für Pflege Brandenburg“, das Landesamt für Soziales und Versorgung des Landes Brandenburg, die Stadt Oranienburg und den Märkischen Sozialverein.