Die Mutmacherin
Nach einer Stammzelltransplantation begleitet Chefärztin Dr. Cristina Fernandes Almeida Patienten im Rehazentrum Oberharz zurück in eine neue Normalität. Die Einrichtung der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig-Hannover ist auf die Rehabilitation bei Krebserkrankungen spezialisiert.
Der Artikel lohnt sich, weil er verständlich erklärt, wie Menschen nach einer schweren Krebserkrankung durch Rehabilitation neue Hoffnung und Perspektiven gewinnen können.
Ich sterbe jetzt. Das ist oft der erste Gedanke von Betroffenen, wenn sie die Diagnose Krebs bekommen“, sagt Dr. Cristina Fernandes Almeida, Chefärztin für Onkologie im Rehazentrum Oberharz. Danach ist es kurz still in ihrem Büro. An den Fensterscheiben zieht Nebel vorbei. Auf der anderen Seite des Raumes steht ein großer runder Holztisch, an dem die 54-Jährige an diesem Tag schon ein Patientengespräch geführt hat. Mit einem warmen Lächeln fährt sie fort: „Es tut sich ganz viel in der Medizin. Wir haben heutzutage andere, bessere Verläufe und neue Medikamente. In sehr vielen Fällen können wir auf diese Ängste antworten: Sie haben eine schwere Krankheit, aber sie werden nicht daran sterben.“
Dr. Fernandes Almeida ist seit 2016 als Chefärztin tätig, davor war sie leitende Oberärztin. Die Herausforderungen beim Behandeln von Krebserkrankungen und Erkrankungen des Blutes kennt sie genau: Die Onkologie und die Hämatologie zählen zu ihren Fachgebieten. Eine typische Erkrankung, mit der Dr. Fernandes Almeida zu tun hat, ist die Leukämie, der Blutkrebs. Zeit ist hier ein wichtiger Faktor: „Sobald die Patienten die Diagnose einer akuten Leukämie bekommen haben, informiert ihr Arzt die Uni-Klinik.“ Meist wird noch am selben Tag, spätestens am nächsten, mit der Behandlung begonnen. Ein Teil davon ist die genetische Untersuchung der Leukämiezellen. Sollten bei dieser Untersuchung Marker sichtbar werden, die eine Heilung durch die Chemotherapie allein unwahrscheinlich machen, oder spricht die Erkrankung auf die Chemotherapie nicht an, kann eine Stammzellentransplantation notwendig werden.
Dann beginnt die Suche nach einem geeigneten Spender. „Wir brauchen eine Person, die möglichst alle zehn der genetischen Merkmale erfüllt. Je größer die Übereinstimmung, umso geringer sind die Abstoßungsreaktionen“, erklärt Dr. Fernandes Almeida. Diese können auftreten, wenn das in Form der Stammzellen transplantierte Immunsystem die körpereigenen Zellen als Eindringlinge wahrnimmt. Das ist normalerweise eine lebensrettende Funktion des menschlichen Körpers, um Bedrohungen wie Viren und Bakterien abzuwehren. In diesem Fall muss das Sicherheitssystem allerdings ausgeschaltet werden.
„Patienten mit Leukämie bekommen eine Chemotherapie, bis möglichst keine bösartigen Zellen mehr übrig sind“, erklärt Dr. Fernandes Almeida. „Das Immunsystem wird vor der Transplantation mit Medikamenten unterdrückt. Erst dann werden die Stammzellen übertragen.“ Eindrucksvoll beschreibt die Ärztin den faszinierenden Mechanismus des „Homings“, der Stammzelltransplantationen erst möglich macht: Die Stammzellen wandern wie von Geisterhand geführt ins Knochenmark. „Im Idealfall haben wir nach etwa zehn Tagen reife, gesunde Zellen.“
Erfolgreich im Netzwerk
Während sich draußen vor dem Fenster der Nebel lichtet, gibt Dr. Fernandes Almeida tiefe Einblicke in ein komplexes Kooperationsnetzwerk: Das Rehazentrum Oberharz arbeitet eng mit den Kliniken unter anderem in Hannover, Braunschweig, Göttingen und Halle zusammen. Von dort werden etwa 80 bis 100 Patienten pro Jahr zu Dr. Fernandes Almeida und ihrem Team geschickt: „Nach der Zeit im Krankenhaus sind die Menschen wie in einem Kokon. Der normale Alltag ist weggefallen und durch Untersuchungs- und Behandlungstermine ersetzt worden. Es ist unsere Aufgabe, sie in dieser schwierigen Zeit behutsam zu begleiten.“ Das bedeutet: höchste Vorsicht und Rücksichtnahme. Keine großen Gruppen, Behandlung nur durch die Oberärzte und Absprachen mit allen Beteiligten. Jeder Behandlungsschritt wird mit den Fachärzten in den Kliniken abgesprochen. Das sei für die Patienten besonders wichtig, bestätigt Dr. Fernandes Almeida: „Es gibt ihnen ein gutes, vertrauensvolles Gefühl. Es sind schließlich ihre Lebensretter.“
Sobald eine transplantierte Person im Rehazentrum angekündigt wird, laufen die Vorbereitungen an. Dr. Fernandes Almeida zählt auf: „Wir bevorraten die benötigten Medikamente, Ernährungsberatung, Pflege und Reinigungsdienst werden informiert und abgepackte Nahrungsmittel gekauft.“ Wegen des geschwächten Immunsystems der Patienten ist das Tragen eines Mundschutzes im direkten Kontakt für das Personal obligat, zudem müssen sich frisch transplantierte Personen keimfrei ernähren.
„Wir alle brauchen eine Aufgabe in unserem Leben.“
Dr. Cristina Fernandes Almeida, Chefärztin, Rehazentrum Oberharz
Verständnis und Sicherheit
Wie wichtig ein fester Zusammenhalt im Team ist, hat Dr. Fernandes Almeida selbst erlebt. Als sie selbst krankheitsbedingt ein halbes Jahr ausfiel, stand ihr gesamtes Team hinter ihr. „Meine Vorgesetzten haben mir immer das Gefühl gegeben, dass ich in Ruhe gesund werden kann, und ich bekam sehr viel Unterstützung“, erinnert sie sich. Das Gefühl von Verständnis und Sicherheit gibt Dr. Fernandes Almeida gern an ihre Patienten weiter, die nach der Behandlung zurück in ihren Beruf möchten. Sie spricht in diesem Zusammenhang von der Ein-Drittel-Regel: „Ein Drittel geht zurück in den Beruf, ein Drittel arbeitet Teilzeit und ein Drittel kann leider nicht mehr arbeiten.“
Gemeinsam mit den Betroffenen arbeitet sie an Lösungen: Welche Fähigkeiten bringen sie mit? Was wollen sie erreichen? „Wir alle brauchen eine Aufgabe in unserem Leben“, sagt Dr. Fernandes Almeida und schaut aus dem Fenster. Klare Sicht bis zu den ersten Baumwipfeln. Wieder lächelt sie: „Wenn die Patienten hier rausgehen und Mut geschöpft haben für den Start in eine neue Normalität, dann haben wir einen guten Job gemacht.“