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Miteinander füreinander

Rietschen in der Lausitz ist ein kleines Dorf mit großem Zusammenhalt. Auf 2.400 Einwohner kommen 23 Vereine. Wer etwas erleben will, schafft selbst die Möglichkeit dafür.

Der Bäcker Lothar Höfchen engagiert sich mit Leib und Seele für die Dorfgemeinschaft.
Darum sollten Sie diesen Artikel lesen:

Der Artikel zeigt eindrucksvoll, wie viel Gemeinschaft und Zusammenhalt durch ehrenamtliches Engagement entstehen können. Er macht Mut, weil er erzählt, wie Menschen auf dem Land mit Eigeninitiative, Solidarität und Ideen ihre Heimat lebendig gestalten.

Text: Kerstin Leppich
Prävention
02/2026

Rietschen, in der Lausitz. Der Ortsteil Daubitz liegt noch im Dunkeln, wenn Lothar Höfchen um 4.30 Uhr seine alte Backstube betritt. Die Leitung der Bäckerei hat der 71-Jährige längst an seine Tochter abgegeben, aber die Auslieferung der Backwaren an die Filialen lässt er sich nicht nehmen.

Drei Stunden ist er dafür unterwegs. Sein Tag wird noch weitere zehn bis zwölf Stunden dauern. „Ich brauche nicht viel Schlaf“, sagt er. Die Bisons des örtlichen Zuchtvereins warten auf die tägliche Futterration. Dann ist da noch die Pflege des Kirchhofs, im Gemeindekirchenrat engagiert sich Höfchen auch, ist in zahlreichen Vorständen und Vereinen. Mit dem Männerchor probt er regelmäßig, rund 15 Auftritte absolviert die Gruppe über das Jahr. Bei Schnee räumt Höfchen die Straßen, „damit der Pflegedienst zu den Senioren kommen kann“. Und dann hat er noch einen Spielplatz im Ort eingerichtet. Wo es an etwas mangelt, da ist Lothar Höfchen zur Stelle.

Menschen wie Höfchen sind der Kitt, der Dörfer und Gemeinden zusammenhält. Rietschen ist in der Peripherie Deutschlands gelegen, die polnische Grenze deutlich näher als Sachsens Landeshauptstadt Dresden. Wer an die Lausitz denkt, denkt an Strukturwandel, einen ausblutenden Osten ohne junge Menschen. Tatsächlich ist Rietschen nicht nur von sanften Hügeln und Wäldern, sondern auch vom Braunkohletagebau umgeben, ganze Ortsteile wurden weggebaggert.

Für die Gemeinschaft aktiv: Anna Anders (links), Lothar Höfchen und Simone Schmidt (rechts).

Engagement und Pragmatismus

Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Der andere: Der Gemeinde geht es gut, Häuser und Vorgärten sind gepflegt. Und Rietschen hat mit seinen knapp 2.400 Einwohnern 23 Vereine. Dazu gehören eine erfolgreiche Handballmannschaft, ein Fitnessstudio, ein Freilichtmuseum und eine Westernstadt – nicht kommerziell, sondern vereinsbetrieben. Fast alles, was es hier gibt, wird von den Menschen in ihrer Freizeit auf die Beine gestellt.

Das Geheimnis ist vielleicht genau dies: Wer etwas erleben will, muss es selber machen. Eine ordentliche Portion Pragmatismus attestiert Bürgermeister Ralf Brehmer seinen Bürgern und erzählt dann gerne seine Lieblingsanekdote, die in die DDR-Zeit zurückreicht: Handball war schon damals enorm wichtig, aber es fehlte an einer Halle. Die Rietschener wussten sich zu helfen und erklärten kurzerhand eine VEB-Werkshalle für marode, bauten sie ab und andernorts als Sporthalle wieder auf.

„An so einem Projekt wie der Dorfheizung scheitern die meisten Orte.“

Lothar Höfchen, Bäcker und immer für alles zur Stelle in Rietschen

Auf eine jüngere und verbürgte Erfolgsgeschichte verweist Lothar Höfchen, wenn er etwas über das Dorf erzählen möchte: das Daubitzer Blockkraftwerk. „An so einem Projekt wie der Dorfheizung scheitern die meisten Orte.“ Denn nur wenn alle Hausbesitzer mitzögen, sei so eine Anlage rentabel. „Da muss man sich auf ein gemeinsames Ziel fokussieren“, sagt Höfchen. Am Ende war das Millionenprojekt auch deshalb für das Dorf finanzierbar, weil alle mitangepackt und vieles in Eigenleistung erbracht haben. Auch hier ist Höfchen vorne dabei. Doch was, wenn er mal nicht mehr kann? „Ach, es geht schon immer weiter.“

Anna Anders ist mit 28 Jahren eine von den Jungen und im Vorstand des Daubitzer Karnevalsvereins. „Ich bin da einfach hineingewachsen“, sagt sie. Wie ihr geht es vielen. Ganze Familien sind hier von Klein bis Groß organisiert.

Die 120 Mitglieder kommen aus Daubitz genauso wie aus den umliegenden Dörfern. „Die Arbeit hört mit dem Aschermittwoch nicht auf“, sagt Anders. Denn die Karnevalisten betreiben neben ihrem Vereinsheim eine Westernstadt. Mehrere Saloons, ein Sheriffbüro mit Gefängniszelle, Werkstätten. Alles hier ist in Eigenleistung erbaut. Jeden Sonntag sind die Saloons geöffnet, im Juni strömen die Besucher zum Countryfest mit Musik und Stuntshows.

Der Verein bedeutet Arbeit, er bietet aber auch Unterstützung und Gemeinschaft über den Verein hinaus. „Wenn einer Hilfe beim Dachdecken braucht, dann kommen die Mitglieder und packen mit an“, sagt Höfchen.

Anna Anders engagiert sich im Karnevalsverein, der auch die Westernstadt in Rietschen betreibt.

Den Jungen etwas zutrauen

Den Nachwuchs zum Eintritt in den Verein zu bewegen ist dennoch kein Selbstläufer. Die große Stärke der Gemeinde Rietschen ist gleichzeitig auch das größte Problem des Karnevalsvereins: das große Angebot. Viele Bürger sind in mehreren Vereinen aktiv, müssen Arbeit oder Schule, Training und Clubleben unter einen Hut bekommen. Das ist ein Grund, warum die Zusammenarbeit sich gewandelt hat. Früher landeten Infozettel zum nächsten Arbeitseinsatz im Briefkasten. Heute gibt es selbst organisierte Arbeitsgruppen mit klaren Aufgabengebieten. „Das klappt auch wunderbar mit dem Nachwuchs“, sagt Anders. Aber dafür müsse man die jungen Leute dann auch machen lassen und ihnen etwas zutrauen. „Wir sagen ihnen, unter welchem Motto die nächste Veranstaltung steht, und sie gestalten die Werbung dafür.“

Die Alten sind mit ihrer Expertise gefragt, Entscheidungen aber werden offen diskutiert und gemeinsam getroffen. Für Anders und Höfchen ist das gelebte Demokratie. Auf Augenhöhe miteinander umzugehen heißt im Verein auch: Alle sitzen an einem Tisch, der Vorstand neben der Jugend. Es gibt keine Grüppchenbildung und keine Geheimnisse. Das ist wichtig für die Motivation. „Nur wenn die Mitglieder den Sinn einer Aufgabe sehen, funktioniert die Gemeinschaft.“

Der Zusammenhalt ist nicht nur innerhalb, sondern auch zwischen den Vereinen groß. Sie stimmen ihre Termine aufeinander ab. Und zum Sommerfest der Daubitzer kommen die Rietschener Karnevalisten und übernehmen den Ausschank. „So können wir auch mal feiern“, sagt Anders.

Marco Holz, Präsident des Rietschener Karneval Clubs, ist einer von denen, die sich in mehreren Vereinen gleichzeitig engagieren. Dabei hat der 41-Jährige Job, Frau, drei Kinder. Beim Karneval macht die ganze Familie mit. „In der Saison sehen wir uns im Saal oder zum Schlafen daheim“, sagt Holz.

67 Prozent erleben Zusammenhalt im persönlichen Umfeld.

Quelle: Leibniz-Institut für Medienforschung, 2025

Weitere Informationen: t1p.de/Studie-Zusammenhalt

KURZ ERKLÄRT

Ehrenamt & Rente

Sich ehrenamtlich für die Gemeinschaft zu engagieren, wirkt sich auch positiv auf die gesetzliche Rente aus, wenn dafür Rentenversicherungsbeiträge gezahlt werden. Das gilt zum Beispiel bei Freiwilligendiensten und bestimmten vergüteten Ehrenämtern.

Mehr Infos unter: t1p.de/Ehrenamt-und-Rente

Vereinsidentität wichtiger als Siege

Mehrmals in der Woche zieht er die Fußballschuhe an. Als Trainer der Herren erlebt er, wie wichtig es ist, dass die Nachwuchsarbeit nicht vernachlässigt wird. Jahrelang hatte der Verein Profis für die Mannschaft eingekauft. „Die Folge waren zwar sportliche Erfolge, aber die heimischen Spieler kamen auf dem Feld kaum noch zum Zug. Das sorgt für Frust, auch bei den Zuschauern“, sagt Holz. In der Folge sind viele junge Leute zum Handball gewechselt. Das spürt Holz auch nach vier Jahren als Trainer noch. Er denkt lieber langfristig. Die Identifikation mit dem Verein ist wichtiger als Siege.

Wie bedeutend für das Gemeinschaftsgefühl die Emotionen sind, davon kann auch Simone Schmidt ein Lied singen. Sie ist die Vorsitzende des jüngsten Rietschener Vereins.

Die 67-Jährige bereitet mit ihren Kollegen alles für einen gelungenen Filmabend vor. Getränke müssen gekühlt, die Snackregale gefüllt sein. Schmidt erkennt sofort, wenn jemand den Kinosaal das erste Mal betritt. Dann halten die Leute erstaunt inne. Hinter den unscheinbaren Mauern verbirgt sich ein überraschend großer Saal mit einer Leinwand, die mit jedem Großstadtkino mithalten kann. Rote und petrolfarbene Sofas zum Hineinkuscheln, runde Beistelltischchen für die Getränke, Kronleuchter und samtverhangene Balustraden. Heimelige Geborgenheit trifft auf eine beinahe illustre Kulisse.

100 Besucher fasst der Raum, bei beliebten Filmen oder Familienaufführungen kommen oft mehr. Die Vorführungen sind an zwei Abenden in der Woche. Außerdem gibt es gesonderte Kinder- und Seniorenvorstellungen. Gezeigt werden klassisches Arthousekino, Kassenschlager und Kinderfilme. Längst kommen die Besucher nicht nur aus der Gemeinde, sondern auch aus dem weiteren Umland.

Simone Schmidt organisiert ehrenamtlich den Kinobetrieb in Rietschen.

Kino als Ort der Emotionen

Dabei war das Kino noch vor wenigen Jahren in seiner Existenz bedroht. „Eigentlich gab es schon seit den 50er-Jahren ein Kino im Ort“, sagt Schmidt. Lange wurde es von Privatleuten betrieben. Doch spätestens mit der Digitalisierung geriet das Kino in Schieflage. Die Besitzer konnten sich nicht recht auf das neue System einlassen, gleichzeitig wollte die Gemeinde den Saal einer Nutzungsänderung unterziehen. Das brachte die Rietschener auf die Barrikaden. Sie gründeten eine Bürgerinitiative und überzeugten die Gemeindeverwaltung schließlich sogar, das Kino mit einer digitalen Anlage auszustatten. Am Ende stand die Gründung des Vereins, der das Kino mittlerweile betreibt.

Woher kommt dieses Engagement, in einer Zeit, in der das Kino wegen der Streamingdienste weltweit in seiner größten Krise steckt? „Unser Kino ist für die meisten Rietschener ein emotionsgeladener Ort. Hier befand sich früher die ultimative Knutschecke. Ich wette, die Hälfte hat hier ihren ersten Kuss bekommen“, sagt Schmidt.

„Hier sind so tolle Leute, die ich ansonsten nie kennengelernt hätte.“

Simone Schmidt, Vorsitzende des Kinovereins

Dass Schmidt mal einen Verein leiten würde, hätte sie sich nicht träumen lassen. „Vereine waren mir immer sehr fremd.“ Und auch der Ort, in dem sie immerhin seit 1994 lebt, war für sie mehr Schlafstadt als Heimatdorf. „Ich war in Rietschen nicht verankert, obwohl ich aus dem Umland komme. Langeweile hatte ich trotzdem nicht“, sagt sie. Schließlich arbeitete die Bauingenieurin jahrelang in Cottbus und Berlin, pendelte, zog Kinder groß.

Dann kam die Bürgerinitiative und die Ansage der Gemeinde: „Kino ja, aber nur mit Verein.“ Schmidt lacht. „Mitgehangen, mitgefangen. Da kneife ich nicht. Und dann entwickeln sich die Dinge eben.“

Heute ist sie froh über ihr Engagement. „Hier sind so tolle Leute, die ich ansonsten nie näher kennengelernt hätte.“

Vereine sind Begegnungsorte. Das gilt auch für das Kino. Die Besucher kommen früh, treffen sich zum Plausch vor dem Film. Das Kino ist auch Ort für gemeinsame Erfahrungen. „Nach besonders intensiven Filmen merkt man das deutlich. Da wollen die Leute gar nicht nach Hause gehen, sondern haben das Bedürfnis, sich miteinander auszutauschen“, sagt Schmidt.

Dienstleistung für andere

25 aktive Mitglieder teilen sich Vorführ- und Thekendienst. Die Dienstpläne werden sechs Wochen im Voraus erstellt. Dazu kommen Auswahl, Bestellen und Überspielen der Filme, Warenorganisation. Viele Stunden Arbeit, die das Team für die Besucher unsichtbar leistet. „Wir sind ein Verein, in dem die Mitglieder nicht für sich selbst aktiv sind, weil sie zum Beispiel Sport treiben, sondern Dienstleistungen für andere erbringen.“ Daran erinnert Schmidt auch immer wieder die Aktiven. „Das ist etwas Besonderes und darauf kann man stolz sein.“

Interview

Rainald Manthe

ist Soziologe und beschreibt in seinem Buch „Demokratie fehlt Begegnung“, welche große Bedeutung Alltagsorte für die Demokratie haben.

„Vertrauen entsteht durch Begegnung“

Warum sind zwischenmenschliche Begegnungen wichtig für die Demokratie?
In der Demokratie einigen sich alle immer wieder auf die Regeln des Zusammenlebens – abstrakt wie konkret. Sie tun das durch Wahlen, aber auch indem sie sich an Regeln halten, zum Beispiel im Straßenverkehr. Dafür braucht es Vertrauen in die anderen Menschen. Und Vertrauen entsteht auch in analogen Begegnungen, viel mehr als zum Beispiel in der digitalen Welt. Auch flüchtige Begegnungen sind wichtig, weil sie Stereotype zurechtrücken. Zum Beispiel, wenn man mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs ist und merkt, dass ein Obdachloser wahnsinnig freundlich ist und ein Anzugträger nicht unbedingt. Leider geht der Trend dahin, dass die Menschen immer mehr unter sich bleiben.

Woran liegt das?
Es ist in der modernen Gesellschaft leichter geworden. Viele Menschen sind auch überfordert von dem, was so in der Welt passiert; da stehen die Zeichen auf Rückzug ins Private. Ein wichtiger Grund ist aber auch, dass Begegnungsorte weniger geworden sind. Es braucht aber diese Orte, an denen Leute zusammenkommen, wo sie ein bisschen irritiert sind davon, dass die Menschen anders sind und trotzdem ganz in Ordnung.

Was sind mögliche gute Begegnungsorte?
Das kann eine Kneipe sein, ein Freibad oder ein Café. Das können Bibliotheken, Supermärkte oder Vereine sein. Begegnungsorte bringen Menschen mit anderen Menschen zusammen, die sie nicht aus ihrem persönlichen Umfeld kennen. Im besten Fall geht man ein Gespräch ein, bekommt einen Einblick in das Leben der anderen und akzeptiert dann andere Lebensrealitäten eher. Gute Begegnungsorte sind so niederschwellig, dass Menschen keine Angst haben, dorthin zu gehen. Im besten Fall haben sie etwas Anregendes, wie ein Schachspiel oder eine Tischtennisplatte.

Was können wir tun, wenn Orte zur Begegnung fehlen?
Im Kleinen können wir im Alltag ein bisschen aufmerksam sein. Andere anlächeln, die Tür aufhalten und „Guten Tag“ sagen. Im größeren Rahmen kann man sich mit anderen zusammenschließen und Orte schaffen oder beleben, indem man dort selbst Angebote macht. Oder man bringt im eigenen Hausflur oder Innenhof Menschen zusammen.