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„Die Rentenversicherung ist die organisierte Solidarität“

Dr. Rolf Schmachtenberg ist sein ganzes Leben schon Fürsprecher für die gesetzliche Rentenversicherung. Im Interview erklärt der ehemalige Staatssekretär, warum er auch im Ruhestand nicht davon ablassen will.

Ein älterer Mann sitzt auf einem Sofa und blickt direkt in die Kamera.
Darum sollten Sie diesen Artikel lesen:

Der Artikel lohnt sich, weil er verständlich erklärt, warum die gesetzliche Rentenversicherung auf Solidarität basiert und welche Herausforderungen die Rente künftig prägen.

Interview: Hilmar Poganatz
Rente
02/2026

Herr Dr. Schmachtenberg, bis zum Frühjahr 2025 waren Sie Staatssekretär auf Bundesebene. Heute sind Sie 67 und im Ruhestand. Fiel es Ihnen schwer aufzuhören? 
Rolf Schmachtenberg: Nein. Auf meinem Berufsweg war ich immer wieder damit konfrontiert, mich auf neue Situationen einzulassen. Und meine neue Aufgabe ist, für mich selbst ein optimales Ruhestandsleben zu organisieren. 

Dass Sie heute mit „zukunft jetzt“ sprechen, zeigt aber, dass Sie es trotz Ruhestand noch nicht so ganz sein lassen können, oder? 
Tatsächlich will ich mich weiterhin in das Thema Alterssicherungspolitik einbringen. Für die Zukunft unserer Gesellschaft ist das ein wichtiges Feld. Dazu bin ich in intensiven Gesprächen mit Sozialverbänden, mit der Bürgerbewegung Finanzwende, der NGO Fiscal Future für die Interessen junger Menschen und mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband. 

Sie wollen also das öffentliche Ansehen der Sozialversicherung stärken? 
Wenn Wirtschaftswissenschaftler in den Medien Dinge sagen wie: „Wir haben immer mehr Alte und immer weniger Erwerbstätige, da kann das mit der Rente ja nicht mehr funktionieren“ – dann widerspricht selten ein Journalist, obwohl die Aussage schlicht falsch ist. Denn wir hatten noch nie so viele Erwerbstätige wie heute. Oder eben dieser berühmte „Witz“: „Die Rente ist sicher, haha!“ Dann wird oft gelacht, obwohl die Rente als Umlagesystem tatsächlich völlig sicher ist. Die Frage ist: Wird meine eigene Rente ausreichend sein für meinen Lebensstandard? Und die Antwort hängt auch davon ab, wie viel ich selber für meine Rente getan habe.

Sie selbst sind ja weiterhin vielfältig engagiert. Nicht nur in der Alterssicherungspolitik, sondern auch in der Friedensbewegung und für Diversität und Inklusion. Was treibt Sie an? 
Der Gedanke der Solidarität! Wir leben in einer hoch arbeitsteiligen Gesellschaft, in der ganz viele unterschiedliche Menschen zusammenwirken müssen: Wo kommt jetzt hier der elektrische Strom her? Wo kommt das Gas her, das Wasser? Eigentlich ist Erwerbstätigkeit eine wechselseitige Solidarität. Unsere Gesellschaft lässt inzwischen eine sehr große Vielfalt zu, durch die Migration auch noch viel mehr kulturelle Vielfalt als früher. 

Auch auf der Berliner Parade zum Christopher-Street- Day (CSD) sieht man Sie des Öfteren – das Thema Vielfalt ist für Sie auch ein ganz persönliches?
Dass ich heute mit meinem Ehemann in einer Regenbogenfamilie mit Kindern leben kann, das verdanken wir den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Es ist eine Befreiung, dass alle Lebensformen in einer solidarischen Gesellschaft anerkannt werden. Diesen großartigen Fortschritt gilt es zu wahren und zu feiern.

„Die Frage ist: Wird meine eigene Rente ausreichend sein für meinen Lebensstandard? “

Rolf Schmachtenberg, Staatssekretär a. D.

Wo sehen Sie da den Bezug zur Rente? 
Die Rentenversicherung ist die organisierte Solidarität. Alle, die sozialversicherungspflichtig arbeiten, zahlen Beiträge, und sie bekommen alle eine Rente – ob du nun bunt bist oder weiß oder ob du eine Behinderung hast oder eine spezielle Sexualität, interessiert nicht. Die Ansprüche erwachsen aus deiner Erwerbstätigkeit. Und da schließt sich der Kreis: All die vielen Erwerbstätigen sorgen dafür, dass die Gesellschaft solidarisch läuft. 

Momentan erleben wir immer stärker, wie der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt, besonders in den sozialen Medien. Glauben Sie, dass eine Trendwende möglich ist hin zu mehr Gemeinschaftsgefühl? 
Es ist viel mehr möglich, als wir gemeinhin denken: Im September ’89 habe ich mir wie viele nicht vorstellen können, dass im November des gleichen Jahres die Mauer fällt. Meinen Werdegang hat das stark beeinflusst. Da ich schon seit zehn Jahren an Jugendgruppenfahrten nach Osteuropa teilgenommen hatte, hatte ich Leute wie Markus Meckel kennengelernt. Die waren in der Friedensbewegung in der DDR aktiv und fragten mich dann, als die Mauer fiel: „Rolf, wir bauen die Ost-SPD auf, willst du mitmachen?“ Ja, und dann hab’ ich „rübergemacht“ und landete schließlich bei Regine Hildebrandt im Arbeitsund Sozialministerium. Und Meckel wurde der vorletzte Außenminister der DDR. Ich hätte mir das alles niemals so vorstellen können. Aber es ist interessant, wie rückwärts betrachtet sich eins zum anderen gefügt hat.

Sie haben eingangs gesagt, dass es Ihnen nicht schwergefallen sei, in den Ruhestand zu wechseln. Hat sich Ihr Blick auf Solidarität und Generationengerechtigkeit verändert in dem Moment, in dem Sie selbst Pensionär wurden? 
Nein, dadurch ändert sich mein Blick auf das Gesamtsystem nicht. „Generationengerechtigkeit“ wird gerade von manchen Ökonomen als Kampfbegriff benutzt. Man stellt „die Alten“ gegen „die Jungen“. Angeblich blockierten die Alten Reformen, die gut für die Jüngeren wären. Dabei kenne ich keine Eltern und Großeltern, die wollen, dass es ihren Kindern schlecht geht. Und ich kenne auch keine Kinder, die nicht ihren Eltern oder Großeltern eine anständige Rente gönnen. Die These, dass die Alten mit ihrer Mehrheit wichtige Rentenreformen verhindern, ergibt gar keinen Sinn: Wenn etwa die Regelaltersgrenze erhöht wird, betrifft das die Alten gar nicht. Es gibt keine Empirik, dass Generationenkonflikte zunehmen. Ich sehe einen Diskurs in den Medien, der versucht, einen Generationenkrieg herbeizureden. Davon sollten wir uns nicht verrückt machen lassen. Er verschleiert die Frage der Verteilung zwischen Reich und Arm.

Elder Statesman der Solidarität

Rolf Schmachtenberg war von 2018 bis 2025 Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Eine solche Karriere schien kaum vorstellbar, als er 1959 als sechster Sohn eines Kaufmanns und einer Hausfrau in Aachen geboren wurde. Ihm gelang es, als Mathematiker und Wirtschaftstheoretiker eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. 1989 entschied sich Schmachtenberg, beim Parteivorstand der SPD in der DDR mitzuwirken. Er arbeitete für das Ministerium für Arbeit und Soziales und war Referent bei der Volkskammer. Ende 1990 wechselte er auf die Landesebene in Brandenburg und 2002 auf Bundesebene, jeweils in den Ministerien für Arbeit und Soziales. Ab 2011 unterstützte er zwei Jahre lang das indische Arbeitsministerium bei der Einführung einer Krankenversicherung für Geringverdiener. Nach seiner Rückkehr krönte die Ernennung zum Staatssekretär 2018 eine lange Laufbahn.