Keine Akte – ein Mensch
Wenn Vorschriften auf Schicksale treffen, entscheidet sich, wie viel Zusammenhalt eine Gesellschaft wirklich hat. Irmgard Bobrzik arbeitet seit mehr als 45 Jahren an genau dieser Nahtstelle zwischen Akten und Leben, als Versichertenälteste ehrenamtlich und mit großer Haltung.
Der Artikel zeigt eindrucksvoll, wie engagierte Ehrenamtliche Menschen bei wichtigen Rentenfragen begleiten und ihnen Orientierung geben.
Es ist kein dramatischer Moment, keiner, der laut wäre oder große Gesten braucht. Es ist dieser eine Satz, der fast beiläufig fällt und doch alles erzählt: „Das hat sonst immer mein Mann gemacht.“ Dann öffnet sich der Wohnzimmerschrank, und mit ihm ein ganzes Leben. Ordner stehen schief nebeneinander, lose Umschläge rutschen heraus, alte Briefe liegen zwischen Rechnungen. Irgendwo hier müssen die Unterlagen für die Witwenrente sein. Irmgard Bobrzik sitzt am Tisch, sieht zu und sagt ruhig zu der älteren Frau, die sie berät: „Suchen Sie ganz in Ruhe.“
Seit 1980 macht Bobrzik genau das. Sie bleibt sitzen, wenn Menschen den Überblick verloren haben. Sie hört zu, wenn jemand nicht weiß, wo er anfangen soll. Irmgard Bobrzik ist Versichertenälteste der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Westfalen, und das seit 45 Jahren. Zusammenhalt ist für sie kein abstrakter Begriff, sondern etwas sehr Konkretes: Zeit, Geduld und die Bereitschaft, jemanden nicht allein zu lassen, wenn das Leben kompliziert wird.
Wer zu Irmgard Bobrzik kommt, bringt selten nur einen Antrag mit. Meist sind es ganze Lebensgeschichten, die sich zwischen Rentenverläufen, Bescheiden und Erinnerungen verbergen. Da ist der Übergang in den Ruhestand, der Tod eines Partners, eine Krankheit, die alles verändert hat. Bobrzik ordnet diese Geschichten ein, übersetzt Verwaltungssprache in verständliche Worte und sorgt dafür, dass aus Unsicherheit wieder Struktur wird. Manchmal geschieht das im Büro des Sozialverbands VdK in Bottrop, manchmal am Küchentisch, manchmal an Orten, an denen andere lieber nicht so genau hinschauen. Zusammenhalt heißt für sie auch, dorthin zu gehen, wo Hilfe gebraucht wird.
Die Lücke, die mehr erzählt als Zahlen
Montags ist Beratungstag beim VdK, an den übrigen Tagen berät Irmgard Bobrzik, nach Absprache, die Menschen meist bei sich zu Hause oder unterstützt Versicherte bei Bedarf in der Wohnungslosenhilfe. Die Unterlagen kommen nicht immer ordentlich sortiert. Manchmal stecken sie in einer Plastiktüte, zusammen mit Quittungen, alten Briefen und Dingen, die auf den ersten Blick nichts mit Rente zu tun haben. Für Bobrzik ist das kein Problem. Sie weiß, dass sich hinter jeder Lücke im Versicherungsverlauf oft eine Geschichte verbirgt, die Zeit braucht.
Eine dieser Geschichten hat sich tief eingeprägt. Ein Mann beantragt eine Erwerbsminderungsrente. Der Versicherungsverlauf wirkt vollständig, alles scheint zu passen, bis auf eine Lücke von acht Jahren. Bobrzik fragt nach, sachlich, ohne Verdacht. Ob er vielleicht im Ausland gearbeitet habe? Der Mann verneint. Dann sagt er ruhig, fast beiläufig, dass er im Gefängnis gesessen habe. Sie fragt, warum. Seine Antwort kommt ohne Pathos: Er habe versucht, seine Frau zu erstechen, aus Eifersucht. Er sei von der Arbeit nach Hause gekommen und erwischte sie im Bett mit einem Kollegen. Da habe er zum Messer gegriffen und sie lebensgefährlich verletzt. „Da war ich kurz erschrocken“, sagt Irmgard Bobrzik rückblickend. „Aber dann macht man weiter.“ Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Professionalität. Zusammenhalt bedeutet für sie auch, Menschen auszuhalten, selbst dann, wenn ihre Geschichten schwer zu ertragen sind.
„Man ist nicht nur Fachkraft, sondern in vielen Fällen auch Seelsorger.“
Irmgard Bobrzik, Versichertenälteste
Die Erste, die geblieben ist
Als Irmgard Bobrzik 1980 über die Sozialwahl zur Versichertenältesten gewählt wird, rechnet sie nicht damit. Sie steht weit hinten auf der Liste. Damals arbeitet sie beim Haushaltsgeräte-Hersteller Krups, ist Betriebsrätin und Sicherheitsbeauftragte, politisch engagiert und daran gewöhnt, sich durchzusetzen. Dennoch ist der Moment prägend: 54 Versichertenälteste, und sie ist die einzige Frau. Zehn Jahre lang bleibt das so. „Was andere können, kann ich auch“, sagt sie sich und bleibt. Heute ist Irmgard Bobrzik mit 86 Jahren die älteste aktive Versichertenälteste der DRV Westfalen. Unter den aktuell 96 Ehrenamtlichen sind inzwischen 20 Frauen. Zusammenhalt braucht manchmal jemanden, der nicht geht, auch wenn es einsam wird.
Was man für dieses Ehrenamt braucht, bringt Irmgard Bobrzik auf den Punkt, ohne große Worte zu machen. Es sind Disziplin, Ehrlichkeit und Sachverstand, vor allem aber ein feines Gespür für Menschen. „Man ist nicht nur Fachkraft, sondern in vielen Fällen auch Seelsorger“, sagt sie. Wichtig ist ihr dabei immer die Klarheit: Versichertenälteste entscheiden nicht über Renten. Sie erklären Wege, helfen beim Antrag und bleiben ansprechbar. Dass diese Arbeit gebraucht wird, zeigen die Rückmeldungen der Versicherten und die Tatsache, dass Bobrzik nach all den Jahren noch immer mit derselben Ruhe am Tisch sitzt.
Auch außerhalb ihres Ehrenamts zieht sich dieses Verständnis von Verantwortung durch ihr Leben. Irmgard Bobrzik engagiert sich beim Sozialverband VdK, ist seit Jahrzehnten kommunalpolitisch aktiv und hält privat eine große Familie zusammen, mit Kindern, Enkeln und Urenkeln. Zusammenhalt ist für sie kein Thema für Reden oder Jubiläen. Es ist eine Haltung, die leise wirkt und lange trägt.
Ein Ehrenamt mit Sinn
Sie beraten ehrenamtlich und kostenlos: Versichertenälteste helfen beim Ausfüllen von Rentenanträgen, erklären Zusammenhänge und geben Orientierung. Damit stärken sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt dort, wo er ganz praktisch gebraucht wird.
Wie werde ich Versichertenälteste/r?
Sie benötigen eine Nominierung durch eine Gewerkschaft, Arbeitnehmervereinigung oder sonstige freie Wählerliste. Die Vertreterversammlung der Deutschen Rentenversicherung wählt Sie auf Vorschlag dieser Organisationen. Die Wahl findet alle sechs Jahre nach den Sozialwahlen statt. Bewerben können Sie sich trotzdem jederzeit. Wenn Versichertenälteste aus unterschiedlichen Gründen ihr Ehrenamt aufgeben, werden freie Mandate neu besetzt.
Welche Voraussetzungen muss ich erfüllen?
Sie müssen volljährig, gesetzlich rentenversichert und aktiv im Job oder im Ruhestand sein, Mitglied einer Gewerkschaft oder Arbeitnehmervereinigung sein und einen Wohnsitz im Zuständigkeitsbereich der Deutschen Rentenversicherung haben.
Wo kann ich mich melden?
Bei Interesse wenden Sie sich an Ihre Gewerkschaft, an eine Arbeitnehmervereinigung oder freie Wählerliste.