Zum Inhalt springen

Mal kurz ein Leben retten

Uwe Hoyer ist im Ruhestand und arbeitet als ehrenamtlicher Stammzellenkurier für Menschen mit Blutkrebs. Eine verantwortungsvolle Tätigkeit, bei der es manchmal auch sehr hektisch werden kann.

Bewegte Straßenszene: Kurier beim schnellen Überqueren einer nassen Kreuzung, Unschärfe vermittelt Eile; sichtbar sind sein Rucksack, die Umhängetasche mit Logo und der rollende Koffer.
Darum sollten Sie diesen Artikel lesen:

Erfahren Sie, wie Uwe Hoyer als ehrenamtlicher Kurier Stammzellen um die Welt bringt, um Leben zu retten. Ein fesselnder Einblick in ein außergewöhnliches Ehrenamt, das zeigt, wie viel Nervenstärke und Herzblut in jeder Reise stecken.

Text: Heimo Fischer
Reha
02/2026

Wenn Uwe Hoyer unterwegs ist, sind gute Nerven gefragt. Wie zum Beispiel auf dem Flughafen von San Francisco, von wo aus er eine Stammzellspende über München nach Ankara bringen sollte. Doch die Maschine hatte fünf Stunden Verspätung. „Das brachte den Zeitplan völlig durcheinander“, sagt der 73-Jährige. Der Anschlussflug in München war nicht mehr erreichbar. Der nächste ging zwölf Stunden später. Gerade noch rechtzeitig erreichte er mit seiner wertvollen Fracht das Transplantationszentrum in Ankara. Zuverlässigkeit und Nervenstärke sind die wichtigsten Eigenschaften, die Uwe Hoyer für sein Ehrenamt braucht. Er engagiert sich als Kurier für den Transport von Stammzellen- und Knochenmarkspenden, die Menschen mit Blutkrebs benötigen, um zu überleben. Jährlich erkranken je nach Schätzung weltweit zwischen einer halben und einer Million Menschen an dem Leiden. Darunter fast 100.000 Kinder, die besonders häufig betroffen sind. Um geeignete Spender zu finden, gibt es weltweit mehrere Register. Hierzulande ist das die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS), bei der zwölf Millionen Menschen registriert sind. Weltweit sind über 41 Millionen Personen in einem Verzeichnis eingetragen. Sie geben zuvor eine Speichel- oder Blutprobe ab. Ihre Daten sind jederzeit abrufbar.

Ein älterer Mann mit grau meliertem Haar, Brille und einem kurzen grauen Bart blickt freundlich in die Kamera. Er trägt eine graue Freizeitjacke mit Reißverschluss über einem blau-weiß gestreiften Hemd vor einem neutralen weißen Hintergrund.

„Jetlag macht mir nichts aus, und außerdem bin ich sehr geduldig.“

Uwe Hoyer, ehrenamt licher Stammzellenkurier

Passen die Daten zu einer erkrankten Person, erhält der Spender eine Nachricht und lässt sich auf die Entnahme vorbereiten. Die Stammzellen werden aus dem Blut entnommen, gekühlt und per Kurier so schnell und sicher wie möglich zu einem Transplantationszentrum gebracht. Dort findet die Übertragung statt. Oft ist es die letzte Chance für die Erkrankten. Für die Knochenmarkspende ist eine Punktion des Beckenkamms nötig, der Transportweg läuft ansonsten genauso.

Nicht jeder ist als Kurier geeignet

Für Uwe Hoyer geht es darum, auch im Ruhestand etwas Sinnvolles zu machen. Sein ganzes Berufsleben hat er bei BMW als Ingenieur Motoren entwickelt. Schon damals kam er in der Welt herum. Als Rentner war ihm der Alltag zu eintönig. „Also habe ich im Internet nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit gesucht.“ Die Arbeit als Stammzellenkurier interessierte ihn. Warum nicht helfen, Leben zu retten? Er meldete sich bei einem Spezialkurier dienst und wurde genommen. Nicht jeder ist für den Job geeignet. Doch bei Hoyer gab es keine Zweifel. Er findet sich in unterschiedlichen Kulturen zurecht. Immerhin stammt seine Frau von den Philippinen. Das Ehepaar hat dort ein Haus und verbringt große Teile des Jahres in dem Land. Außerdem spricht er fließend Englisch und hat gute Nerven. „Jetlag macht mir nichts aus, und außerdem bin ich sehr geduldig.“ Auf Flughäfen und Bahnhöfen auf den Anschluss zu warten, ist Teil des Jobs.

Die Transportbox immer im Blick

Die Termine für seine Einsätze kann er selbst wählen. „Bei der Agentur melde ich mich online etwa zwei Wochen im Voraus für die entsprechende Reise an.“ Wird ihm die Reise zugeteilt, startet ein genau getakteter Ablauf. Alle Anforderungen sind unter anderem von der World Marrow Donor Association (WMDA) festgelegt. In der Münchner Zentrale des Spezialkurierdienstes gibt es zunächst ein ausführliches Briefing. Hoyer erfährt alles über die beteiligten Stellen, den Reiseverlauf, Verkehrsmittel und Besonderheiten der Zielländer. Auch die Dokumente spricht das Personal genau mit ihm durch. Die Transportbox für die Stammzellen oder Knochenmarkspenden erhält er ebenfalls von der Agentur. Sie ist so groß wie ein Schuhkarton. Die Temperatur im Innern darf für 72 Stunden nicht über acht Grad liegen. Mithilfe eines Fühlers lässt sie sich außen ablesen. Auf Interkontinentalreisen kann die Box mit ihren Kühlakkus bis zu zwölf Kilogramm wiegen. Zum vereinbarten Zeitpunkt kommt Hoyer zum Entnahmezentrum. Das kann irgendwo auf der Welt sein – je nachdem, wo sich der Spender befindet. Dort wird die Box befüllt. Hoyer lässt die Box nie aus den Augen, auch während des Fluges in der Economy Class nicht. Das fängt schon bei der Abfertigung an. „Die Transportkiste darf auf keinen Fall geröntgt werden.“ Er muss außerdem die Dokumente griffbereit haben; dazu gehört ein Ausweis, der ihn als Stammzellenkurier legitimiert. In einigen Ländern interessiert sich der Zoll für die Fracht. „Manchmal muss ich die Box öffnen.“ Auch Sprengstoffkontrollen hat er erlebt.

Halbporträt: Älterer Mann mit lässiger Jacke trägt eine Thermotasche über der Schulter und steht mit Rollkoffer am Bahnsteig, Blick nach vorn.
Nahaufnahme: Hand eines Kuriers an einer Aktenmappe, daneben eine isolierte Thermotasche mit Aufkleber „Medical Transport – DO NOT X‑RAY“ und einem Temperaturfühler; im verschwommenen Hintergrund Menschen in einem Bahnhofsterminal.

Die Abläufe des Stammzellentransports hat Hoyer genau im Kopf. Minutiös erklärt er am Beispiel einer kürzlich absolvierten Reise nach Brasilien die einzelnen Etappen: Nach zwölf Stunden Flug Ankunft in São Paulo, der größten Stadt Brasiliens. Dort Umsteigen ins 400 Kilometer entfernte Curitiba. Pass zeigen, Zollkontrolle, Terminalwechsel und noch einmal Sicherheitskontrolle – alles das nimmt viel Zeit in Anspruch. Dann Boarding für den Weiterflug. In Curitiba ein Taxi zum Transplantationszentrum. Die Zentrale in Deutschland wird über jeden Schritt informiert. Regelmäßig schickt Hoyer Nummerncodes per SMS nach München. Im Transplantationszentrum gibt er den Inhalt der Box schließlich ab. Aber auch auf den letzten Metern kann es noch zu Problemen kommen. Manchmal erreicht er die Klinik mitten in der Nacht. Nicht immer ist die Person am Empfang informiert. Manch mal spricht sie kein Englisch. Dann muss er sich irgendwie verständlich machen.

27 Sekunden

Die Diagnose Blutkrebs (Leukämie) erhält alle 27 Sekunden ein Mensch irgendwo auf der Welt. Stammzellen können sie retten.

Probleme auf den letzten Metern

Wenn er die richtige Anlaufstelle gefunden hat, ist ein letztes Mal volle Konzentration gefragt. Namen und Nummern auf den Stammzellenbeuteln werden mit den Dokumenten verglichen. Eine Signatur, dann kann er entspannen. Auf eigene Kosten dürfte er nun bis zu fünf Tagen vor Ort bleiben. „Ich fliege aber fast immer gleich zurück“, sagt er. Denn die meisten der bereisten Städte kennt er schon. Vor der Rückreise trinkt er gern noch einen Kaffee. Und dann denkt er hin und wieder über den Menschen nach, der in diesem Moment durch eine Transplantation gerettet werden soll. Hoyer kann nur darauf vertrauen, dass der Eingriff gelingt. Denn wer die Spende bekommt, wird er nie erfahren.

Mehr zur Reha nach Herztransplantationen: zukunft-jetzt.deutsche-rentenversicherung.de/reha/reha-mit-herz

Hintergrund

Organspenden und Transplantationen

Die deutsche „First Lady“ Elke Büdenbender lebt mit einer Ersatzniere. Gespendet hat diese 2010 ihr Mann, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Ganz gleich, ob es sich um eine Organspende oder Blutplasma handelt: Die moderne Transplantationsmedizin kann dann am besten Leben retten, wenn Menschen freiwillig etwas von sich geben, um anderen zu helfen. Nur wenige Menschen in Deutschland haben einen Organspendeausweis in der Tasche. Lediglich rund jeder Zehnte hat seine Entscheidung dokumentiert, obwohl in Deutschland Tausende auf ein Spenderorgan warten. Die Gründe für die Zurückhaltung sind vielfältig, doch die Fakten sprechen eine klare Sprache: Ein einziger Organspender kann bis zu sieben Leben retten. 

Am häufigsten transplantiert werden Nieren, gefolgt von Herz und Leber. Die Vergabe der Organe erfolgt streng nach medizinischer Dringlichkeit und Wartezeit, nicht nach Alter oder Wohnort. Entscheidend für die Spende ist der Zustand der Organe, nicht das Alter des Spenders – auch ältere Menschen können somit helfen. Medizinisch beginnt die Organspende oft erst mit dem Hirntod, dem unumkehrbaren Ausfall aller Hirnfunktionen. Allerdings gibt es nicht nur die klassische postmortale Spende: Auch eine Lebendorganspende, etwa eine Niere oder Teile der Leber an einen Angehörigen, ist möglich. Wer seine Entscheidung treffen möchte, kann diese flexibel im Organspendeausweis oder im Online- Register festhalten – und jederzeit ändern. 

Um die Zahl der Spenden zu steigern, werden politisch regelmäßig gesetzliche Regelungen wie die Widerspruchslösung diskutiert: Wer nicht aktiv widerspricht, wird automatisch zum Spender. Organspende bleibt ein sensibles Thema, das ethische Fragen mit persönlicher Verantwortung verbindet – und Hoffnung schenkt, wo sie dringend gebraucht wird. 

Der größte Mangel besteht bei Nieren, Lebern, Herzen und Lungen. Rund 8.500 Menschen stehen in Deutschland auf einer Warteliste. Mehr als 700 von ihnen sterben jedes Jahr, weil keine geeignete Spende verfügbar ist. 

Einen erheblichen Engpass gibt es auch bei Spenden der Augenhornhaut, die kranken Menschen zu besserem Sehvermögen verhelfen soll. Die Augenhornhaut wird postmortal gespendet, eine Einwilligung der nächsten Angehörigen reicht in der Regel aus. Besonders in der Urlaubszeit und bei Erkältungswellen werden Blut und Blutplasma knapp, da zahlreiche Spender ausfallen. 

Weitgehend unbekannt sind Gewebespenden – zum Beispiel Haut, Knochen oder Herzklappen. Sie können Schwerverletzten und Kranken helfen.

Mehr Infos unter: 

t1p.de/Infotelefon-Organspende  
t1p.de/Organspende-Register  
www.blutspenden.de