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„Am Ende ist es doch die Frau, die den Film verkauft"

Filmstar Anna Maria Mühe über schwierige Rollen, ungleiche Bezahlung und das Leben mit einem großen Namen.

Eine Frau mit blonden Haaren schaut über die Schulter in die Kamera
Darum sollten Sie diesen Artikel lesen:

Erfahren Sie hier, was Schauspielerin Anna Maria Mühe über schwierige Rollen, ungleiche Bezahlung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erzählt.

Text: Hilmar Poganatz
Altersvorsorge
03/2026

Es ist zehn Uhr morgens in einem kleinen Café in einem Altbauviertel in Berlin- Prenzlauer Berg. Anna Maria Mühe kommt zu Fuß auf Cowboyboots, in Leggings, Jeanshemd und hellblauer Bomberjacke. Die Schauspielerin ist schon seit vier Stunden wach, hat längst gefrühstückt und ordert einen Cappuccino.

Glückwunsch, Anna! Du hast vor Kurzem den Jupiter-Publikumspreis gewonnen für „Die Totenfrau“ auf Netflix. Wie fühlst du dich? 

Anna Maria Mühe: Nominiert zu sein, ist immer schön. Aber wenn man dann auch noch den Preis mit nach Hause nehmen darf, hat das noch eine andere Wertigkeit – besonders, wenn es ein Publikumspreis ist. Das sind die Menschen, für die ich das mache. 

Was drehst du gerade? 

Ich drehe eine Miniserie für Disney, „Monster“, nach dem Roman von Nele Neuhaus. Regie führt Adolfo Kolmerer, der auch „Oderbruch“ gemacht hat. Wir drehen glücklicherweise alles in Berlin. Dass ich zu Hause drehen darf, ist wirklich superselten bei mir.

 Als Mutter einer 13-Jährigen ist das sicher entlastend für dich. „Monster“ soll 2027 erscheinen, welche Rolle verkörperst du?

Ausgerechnet eine Mutter, deren Kind auf tragische Weise umgebracht wird. Und dann erlebt man die Frau, wie sie damit umgeht – was das mit ihr macht, innerlich wie äußerlich, was das für Konsequenzen hat innerhalb einer Familie, den ganzen Leidensweg.

Frau hält eine Pistole in der Hand.

„Ich habe nicht so ein Leben wie andere Mütter. Unser Alltag ist bunt und vielfältig.“

Anna Maria Mühe, Schauspielerin



Harter Stoff, zumal als Mutter. Suchst du dir solche Rollen bewusst aus? 

Was ich gerne mag in der Auseinandersetzung mit meinen Figuren, ist, mich reinzuwühlen in deren Charakter und selber herauszufinden, warum sie welchen Schritt gehen und ob das Sinn ergibt. Wenn es erst mal unlogisch erscheint, heißt das nicht, dass ich das wegschmeiße – vielleicht ergibt es mit einer Figur, die kaputt ist oder aus einem ganz anderen Bereich kommt, total Sinn. Dann wird es interessant. Und natürlich ist es immer spannend, eine Figur zu spielen, die nicht nur schwarz-weiß erzählt wird. 

Welche deiner Rollen war am schwierigsten? 

Vor zehn Jahren habe ich in „Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“ Beate Zschäpe verkörpert. Das war sehr herausfordernd. Eine Frau zu spielen, die noch lebt, und deren Gerichtsprozesse zu der Zeit noch liefen, war aber auch sehr interessant. Trotzdem wollte ich sie nachvollziehbar machen, zumindest in ihren Anfängen: eine junge Frau, die sich mit 15, 16 verliebt in einen Mann, der schon sehr gefestigt ist in seiner Meinung. Das ist etwas, was ich total nachvollziehen kann. Ich habe mich in dem Alter definitiv auch in schräge Typen verliebt und war überhaupt nicht gefestigt. Eine Frau wie Beate Zschäpe nachvollziehbar machen zu wollen, ist mutig und ist auf das gute Drehbuch zurückzuführen. 

Als Schauspielerin tauchst du in düstere Welten ab und bist oft verreist. Wie gut gelingt dir der familiäre Alltag hier in Prenzlauer Berg?

Sehr gut, aber natürlich kenne ich nur meine Art Alltag. Ich habe sicher nicht so ein Leben wie andere Mütter, die jeden Morgen gemeinsam aufstehen, Frühstück machen, das Kind zur Schule bringen und mittags kochen. Das ist bei uns alles bunt und vielfältig, weil mein Beruf das halt so erfordert. Aber meine Tochter kennt es auch gar nicht anders.

Du hingegen hast als Kind an vielen Drehorten und in Theaterkantinen geschlafen?

Ich bin mit meinen Eltern mitgezogen und habe acht Mal die Schule gewechselt: die erste Klasse in Berlin, die zweite in Wien, die dritte in Hamburg. Damit waren schon die ersten Jahre völlig hinüber, was Freundschaften angeht. Das wollte ich meiner Tochter nicht antun. Mich rührt es, zu sehen, wie sie schon in der ersten Klasse eine Clique hatte. Meinem Vater war es wichtig, dass ich an seiner Seite war, und er hat viel Theater gespielt. 

Du hast mal gesagt, was dein Privatleben angeht, würdest du lieber „ein weißes Blatt“ bleiben. Ist das nicht ein bisschen kokett, wenn ein Filmstar so etwas sagt?

Ja, das ist es, vor allem in einer Welt mit Instagram. Außerdem bin ich mit Lucas Gregorowicz zusammen, der als Schauspieler auch in der Öffentlichkeit steht. Aber ich gehe zum Beispiel nicht so weit, dass ich unsere Hochzeit an die Medien verkauft hätte. Und ich gebe nie Sachen preis, die wirklich privat sind. 

Deutsche Schauspielerinnen wie Sandra Hüller oder Vicky Krieps haben es nach Hollywood geschafft – verspürst du diesen Drang auch?

 [lacht] Ich bin ja erst 40 – es ist also noch nicht vorbei. Aber ich bin wirklich sehr glücklich da, wo ich bin. Ich habe so viele Freunde und Freundinnen in diesem Beruf, die unglücklich sind, weil sie kaum arbeiten dürfen. Ich weiß das sehr zu schätzen, dass ich so viele unterschiedliche Rollen spielen darf.

In Hollywood verdienen weibliche Darstellerinnen ein Viertel weniger als männliche. Ist das in Deutschland ähnlich?

 Ich finde das grundsätzlich fragwürdig, dass Männer besser bezahlt werden. Egal in welchem Beruf. Auf dem roten Teppich ist doch die Frau diejenige, die 10.000 Mal fotografiert wird, und nicht der Mann. Am Ende ist es die Frau, die den Film verkauft. Und trotzdem verdient der Mann mehr Geld. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass Tatort-Kommissarinnen schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen – obwohl sie die gleiche Arbeit machen und gleich viele Drehtage haben. Das ist grotesk. 

Was kann man dagegen tun? 

Ich glaube, man kann wirklich nur laut werden. Und in diesem Falle müssten wahrscheinlich sogar eher die Männer sagen: „Wir haben die gleiche Anzahl an Drehtagen. Wie viel kriegst du, wie viel krieg ich? – Lass uns gucken, dass wir beide gleich viel bekommen!“ Bei den ersten Verhandlungen mit meiner Agentur vor 25 Jahren war die Ansage: Rede nie übers Geld! So wird man kleingehalten. Das ist aber auch eine Generationsfrage, die Anfang-20-Jährigen heute sprechen mutiger übers Geld.

Hat sich das Klima am Set grundsätzlich verändert, etwa durch Intimitätskoordinatorinnen? 

Ja, auf jeden Fall. Es ist immer noch so, dass manche Regisseure aus bestimmten Generationen das eher belächeln. Aber ich finde: Wir haben jetzt zumindest die Möglichkeit, uns geschützt zu fühlen und Dinge anzusprechen, die man sich vorher nicht getraut hat. Ich würde das so schön finden, wenn das einfach als etwas ganz Normales gehandhabt wird. Den gewünschten Grad körperlicher Nähe und Nacktheit abzusprechen, ist für mich nichts anderes als Teil der peniblen Rollenvorbereitung, wie ich sie schon bei meinem Vater kennengelernt habe.

16 % betrug der Verdienstabstand pro Stunde...

…zwischen Frauen und Männern in Deutschland 2025 („Gender Pay Gap")

Gab es Momente unangenehmer Nähe? 

Bei meinen ersten Filmen hatte ich als Teenagerin wahnsinnig Glück. Insofern habe ich mich da sehr aufgefangen und gesehen gefühlt, und da war nichts unangenehm. Später gab es ganz andere Filme, wo ich mir eine Intimitätskoordinatorin auf jeden Fall gewünscht hätte.

Hat es dich nicht geschützt, Mühe zu heißen?

Ja, ich habe das oft irgendwie gespürt, dass die Menschen auf mich mit einer anderen Art Respekt zugekommen sind. Auch wenn ich beim Arbeiten immer sehr für mich selbst stand. Meine Eltern waren auch nie am Set. Aber es kann sein, dass mein Name mich auch beschützt hat, da habe ich noch nie drüber nachgedacht.

Und du wurdest wirklich ganz unabhängig von deinen Schauspieler-Eltern entdeckt?

Ja, da war ich 14 und mit Freunden in einem American Diner in West-Berlin. Wir wurden nicht gut bedient, weil man ja als Teenager kaum Geld mitbringt. Da kam eine Unbekannte auf mich zu und lud mich zum Casting ein. Ich habe das meiner Mutter erzählt, die hat es kaum glauben können und am nächsten Tag mit der Regisseurin telefoniert. Die kam aus Schweden und wusste mit meinem Namen überhaupt nichts anzufangen. Erst die Produzentin hat sie dann gefragt, ob sie weiß, wen sie sich da geangelt hatte. 

War das Schicksal?

 Auf jeden Fall, weil ich schon immer schauspielern wollte. Aber es war ein bisschen tabuisiert bei uns zu Hause: Erst mal die Schule zu Ende machen, dann vielleicht Schauspiel studieren, aber auf gar keinen Fall vorher und auf gar keinen Fall als Tochter von. Aber als dieses Angebot kam, konnten sie einfach nicht mehr Nein sagen.

Du bist jetzt 40. Wo siehst du dich mit 70?

Dann bin ich hoffentlich eine sehr glückliche Oma, freue mich des Lebens und bin gesund. Mal schauen. In diesen Zeiten, wo sich die Nachrichten täglich überschlagen, wage ich es gar nicht, in die Zukunft zu gucken. Ich war aber auch noch nie der Typ dafür.

28 % weniger Einkommen...

…als ihre männlichen Kollegen erzielen weibliche Schauspielerinnen in Deutschland.

Tochter großer Schauspieler

Anna Maria Mühe wurde für den Film entdeckt, als sie wie auf diesem Foto 14 war. Dabei wusste die Regisseurin zunächst nicht, dass sie die Tochter zweier großer ostdeutscher Schauspieler gecastet hatte: Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe (bekannt aus dem oscarprämierten Film „Das Leben der Anderen“, Foto). Zudem war ihr Großvater Otto Gröllmann Bühnenbildner und Widerstandskämpfer.

Seitdem hat Anna Maria Mühe viele Filme gedreht, darunter „Was nützt die Liebe in Gedanken“ (2004), „Novemberkind“ (2008) und „Sophia, der Tod und ich“ (2023). Gefragt ist sie auch als Seriendarstellerin in Formaten wie „Solo für Weiss“ (ZDF) oder „Die Totenfrau“ (Netflix). Ihre Eltern starben bereits in den Jahren 2006 und 2007. Im vergangenen Jahr heiratete sie den Schauspieler Lucas Gregorowicz („Lammbock“, „Polizeiruf 110“).

Sozialversicherung für Schauspieler

Selbstständige Künstler und Publizisten sind in der Künstlersozialkasse (KSK) pflichtversichert. Ausnahmen bestehen bei hohen Einnahmen aus nicht-künstlerischen Tätigkeiten.

Mehr Infos unter: www.kuenstlersozialkasse.de