Zum Inhalt springen

„Die gesetzliche Rente bildet das Fundament“

Der Finanzexperte Hermann-Josef Tenhagen ruft jungen und alten Generationen ins Gedächtnis: Das allgemeine Rentenniveau sagt nichts über die eigene Rentenhöhe aus.

Porträt eines lächelnden Mannes in einem blauen Hemd, der sich an ein weißes Geländer lehnt und eine Brille in der Hand hält, neben einem Wandlogo mit einem orangen „F“.
Darum sollten Sie diesen Artikel lesen:

Der Artikel erklärt verständlich, welche Rolle die gesetzliche Rente für die Altersvorsorge spielt und warum zusätzliche Vorsorge wichtig sein kann. Er gibt außerdem konkrete Tipps, wie man frühzeitig für den Ruhestand vorsorgen kann.

Interview: Heimo Fischer
Altersvorsorge
03/2026

Wie bewerten Sie den aktuellen Stand der Debatte zu Alterssicherung und Rente?
Herrmann-Josef Tenhagen: Das Rentenniveau bleibt – Stand heute bis 2031 – auf 48 Prozent des durchschnittlichen Bruttoeinkommens festgeschrieben. Ich gehe davon aus, dass es in den Jahren danach sinken wird.

Was würde das bedeuten?
Das Rentenniveau ist eine Vergleichsgröße für das gesamte System, sagt aber nichts über die individuelle Rentenhöhe aus. Diese hängt von der Zahl der Entgeltpunkte ab, die eine versicherte Person über ihr Erwerbsleben hinweg sammelt. Einen Entgeltpunkt erhält, wer im jeweiligen Jahr genauso viel verdient wie der Durchschnitt aller Versicherten und dafür Beiträge einzahlt. Ein hohes Einkommen und keine Fehlzeiten wirken sich also auch künftig positiv auf die Rente aus.

Hermann-Josef Tenhagen

ist seit zwölf Jahren Co-Chefredakteur des Geld-Ratgebers Finanztip. Zuvor leitete er 15 Jahre lang die Zeitschrift Finanztest der Stiftung Warentest. Nach dem Studium arbeitete er als Journalist bei diversen Medien. Für seine Verbraucher- und Finanzberichterstattung wurde er vielfach ausgezeichnet. Das Gespräch fand im Juni 2026 statt.

Worauf muss sich die ältere Generation heutzutage einstellen?
Wer Rente bezieht oder bald in den Ruhestand geht, für den dürfte sich erst mal wenig ändern. Kürzungen wird es nicht geben. Rentnerinnen und Rentner erhalten aber vielleicht mehr Flexibilität, zum Beispiel durch die Aktivrente: Wer das gesetzliche Renteneintrittsalter erreicht und weiterarbeiten kann, muss auf die ersten 2.000 Euro des Gehalts keine Steuern zahlen. Entscheidend ist natürlich, einen solchen Arbeitsplatz auch zu finden.

Was soll ein junger Mensch heute im Hinblick auf seine Altersvorsorge tun?
Die staatliche Rente bildet das Fundament – muss aber zusätzlich ergänzt werden, um den Lebensstandard im Alter zu sichern. Ich persönlich würde dafür ein Depot einrichten, in das ich als Berufseinsteiger monatlich einen möglichst hohen Betrag einzahle. Wenn ich eine Familie gründe und die Ausgaben steigen, kann die Summe vorübergehend niedriger ausfallen. Nachdem die Kinder aus dem Haus sind, sollte man wieder eine Schippe drauflegen. Eine weitere Option ist die eigene Immobilie. Ist sie abbezahlt, kann auch sie Teil der Altersvorsorge sein.

Ist eine private Alterssicherung mit Rentenversicherungen sinnvoll?
Die klassischen Versicherungslösungen sind meist keine Alternative. Das eingezahlte Kapital wird zwar von den Gesellschaften gewinnbringend angelegt. Die Kosten fressen aber in der Regel einen großen Teil der Rendite wieder auf. Da bleibt nicht mehr viel Kapitalertrag übrig. Es gibt sogar Fälle, da bekommen Sparer hinterher weniger heraus, als sie eingezahlt haben.

Die Bundesregierung empfiehlt bei der Altersvorsorge das traditionelle Drei-Säulen-Modell. Lohnt sich eine Betriebsrente für Beschäftigte?
Diese Verträge können sich lohnen, wenn Arbeitnehmer nicht nur Gehalt für die Betriebsrente umwandeln, sondern die Firma auch deutlich mehr als die gesetzlich vorgeschriebenen 15 Prozent des Gehalts als Zuschuss für den Vertrag beisteuert. Sonst ist das für Beschäftigte meist ein schlechtes Geschäft.

Was passiert mit der Betriebsrente, wenn ich die Firma wechsle?
Die neue Firma bietet mir womöglich einen neuen Vertrag mit neuen Kosten an, dann wird es auch in der Rente unübersichtlich, weil ich mehrere, womöglich unterschiedlich konzipierte Verträge habe. Ein Ausweg ist, den Arbeitgeber zu fragen, ob er stattdessen seinen geplanten Zuschuss zur Altersvorsorge direkt auszahlt. Diesen Betrag kann man dann im eigenen Depot selbst fürs Alter anlegen und behält die Kontrolle.

Ein auf einem Holzschreibtisch stehender Laptop, auf dessen Bildschirm ein Interview-Video von „Finanztip“ mit zwei Männern zu sehen ist, daneben eine Tasse und ein kleiner Kaktus.

Wie sollte die private Altersvorsorge aussehen?
Sinnvoll kann der Aufbau eines Altersvorsorgedepots mit Wertpapieren sein. Ein solches Modell ist aktuell gesetzlich geregelt worden. Herzstück ist die Einführung eines Altersvorsorgedepots. Der Staat will damit ab 2027 die Vorsorge für den Ruhestand mit einem kostengünstigen Depot ankurbeln. Dabei ist auch eine ordentliche Förderung vorgesehen. Für viele Verbraucher stellt dies im Vergleich zum vorherigen Riester-Konzept eine Verbesserung dar.

Was genau wurde da beschlossen?
Anbieter können ab Anfang 2027 Altersvorsorgedepots anbieten, bei denen ich mit ETFs und anderen Wertpapieren fürs Alter sparen kann und eine Förderung erhalte. Jeder Anbieter muss auch ein leicht verständliches Standardprodukt mit gedeckelten Verwaltungskosten anbieten. Außerdem will der Staat ein eigenes Altersvorsorge-Angebot machen. Durch eine ordentliche Förderung wird auch Geringverdienern der Einstieg in die private Vorsorge erleichtert. Auch Selbstständige können künftig diese geförderte Altersvorsorge nutzen.

Welche Art von Wertpapieren empfehlen Sie für ein solches Altersvorsorgedepot?
Am besten sind aus Sicht von Finanztip ETFs, also börsengehandelte Aktienfonds, die einen Index nachbilden, wie etwa den MSCI World oder besser noch den MSCI ACWI IMI, in dem über 8.200 Aktiengesellschaften stecken, 99 Prozent der Aktienmärkte weltweit. Der Index sollte viele Unternehmen aus allen Branchen und Weltregionen umfassen. So ist das Risiko am geringsten. Die Zusammensetzung folgt dem ausgewählten Index, deshalb sind die Verwaltungskosten niedrig. Sie liegen in günstigen Fällen bei nur 0,1 Prozent im Jahr.

Der weltweite Aktienmarkt unterliegt aber Schwankungen. Was ist, wenn ich in Rente gehe und die Kurse gerade im Keller sind?
Wer das Rentenalter erreicht, entnimmt ja nicht den gesamten Betrag auf einmal, sondern immer nur das, was als Ergänzung zur Rente nötig ist. Wenn es am Aktienmarkt gut läuft, wächst der Betrag auch noch im Alter. Auf lange Sicht konnte man in der Vergangenheit im Schnitt mit einem Zuwachs von etwa fünf Prozent pro Jahr rechnen.

Angenommen, ich bin schon 50 und habe mich neben der staatlichen Rente nie um eine weitere Absicherung fürs Alter gekümmert. Lohnt es sich dann noch, damit anzufangen?
Auch im fortgeschrittenen Alter lässt sich zum Beispiel mit einem ETF-Sparplan die Rentenlücke verkleinern. Lieber heute mit der zusätzlichen Vorsorge beginnen als nie. Mit 50 haben Sie wahrscheinlich noch 40 Jahre Zeit, Altersvorsorge aufzubauen und zu genießen.

Das Portal online:
https://www.finanztip.de/