Glücklich im Unruhestand
Mit Mitte 60 steigen viele Menschen aus dem Arbeitsleben aus. Für Uwe Kastens begann noch einmal eine Probezeit.
Der Artikel zeigt, dass der Ruhestand nicht zwangsläufig das Ende des Berufslebens bedeuten muss und neue Wege offenstehen können. Die persönliche Geschichte von Uwe Kastens macht Mut, eigene Interessen auch im Rentenalter weiterzuverfolgen und aktiv zu bleiben.
Uwe Kastens ist Sales-Manager in einem großen Medienkonzern. Er trägt Verantwortung für sein Team, pendelt viele Jahre zwischen Berlin und München, sitzt in Meetings, organisiert, entscheidet, funktioniert. Den Ausstieg hat er bereits lange geplant.
Dann kommt der Tag: Mit einem Vorruhestandsmodell verabschiedet er sich im Alter von 65 Jahren aus dem Berufsleben. Zwölf Monate lang ist er freigestellt. Zum ersten Mal seit Jahren gehört die Zeit wieder ihm. „Am Anfang war das super“, erinnert sich Kastens heute. Er treibt Sport, genießt die Ruhe, hat Zeit für die Dinge, die sonst liegen geblieben sind.
Doch irgendwann schleicht sich zum Gefühl der neuen Freiheit die Frage, ob das schon alles gewesen sein soll? Mit dem Gedanken, plötzlich „Rentner“ zu sein, tut sich Kastens schwer. Auch weil viele seiner Freunde noch mitten im Berufsleben stehen. Er windet sich, kommt nach der kurzen Auszeitphase nicht im neuen Lebensabschnitt an. Vor allem aber spürt er, dass etwas in ihm arbeitet, dass noch Energie da ist. „Die innere Stimme weiß, wie viel Feuer man noch hat“, sagt er.
Dann beginnt Uwe Kastens nachzudenken. Nicht über die Frage, was er noch kann, sondern womit er sich wirklich lebendig fühlt und wofür er Energie aufbringen möchte. Die Antwort kennt er eigentlich längst. Motorräder begleiten ihn seit seinem 16. Lebensjahr. Während des Studiums hatte er Geld in einem Motorradladen verdient. Später führte er gemeinsam mit einem Geschäftspartner ein Motorradgeschäft. Dort war er der Generalist, schraubte und verkaufte, kannte sich aus. Zwischenzeitlich suchte er als studierter Geophysiker in fernen Ländern nach Erdöl, wechselte später in die Eventbranche und landete schließlich im internationalen Werbegeschäft. Ein geradliniger Lebenslauf ist das nicht. Hatte er keine Angst davor, immer neu anzufangen? „Nein“, sagt er. „Nie.“
Nur diesmal fühlt sich die Suche persönlicher an. Uwe Kastens hat einen Plan: Er verschickt keine standardisierten Bewerbungen, sondern schaut sich gezielt Motorradhändler in Berlin an, spricht vor, kommt wieder, zeigt Präsenz. Einfach ist das nicht. Ein Mann mit 67 Jahren passt nicht automatisch in das Bild einer Branche, die gern jung und dynamisch wirkt. „Ich wusste, dass ich mich persönlich vorstellen muss“, erzählt er. „Es gab nie Absagen, aber die Händler konnten mit meinem Modell nichts anfangen. Ein Rentner, der nicht die ganze Woche arbeiten möchte – kann man den überhaupt voll belastbar einsetzen?“ Irgendwann bekommt er dann doch die Chance zum Probearbeiten, im Flagshipstore einer italienischen Premiummarke. Und er überzeugt. Nicht laut, nicht aufgesetzt, sondern mit seiner Erfahrung und ruhigen Art.
Junges Team, neue Rolle
Und Uwe Kastens bringt etwas mit, das heute in vielen Teams gebraucht wird. Während die jüngeren Kolleginnen und Kollegen versuchen, Familie, Kinder und Wochenendarbeit unter einen Hut zu bringen, bietet er Flexibilität. Drei Samstage in der Saison? Für ihn ist das kein Problem, für das Team eine spürbare Entlastung. Genau hier liegt der Gewinn des generationsübergreifenden Arbeitens: „Es muss sich für beide Seiten lohnen.“ Aktuell ist er außerdem unter der Woche drei Tage im Laden, und wenn Not am Mann wäre, könne man ihn anrufen. „Man spürt den Team-Spirit.“
Die Jüngeren bringen digitale Selbstverständlichkeit und Tempo mit, Uwe Kastens seine Menschenkenntnis und die Fähigkeit, Situationen einzuordnen. „Keine Angst vor Kommunikation zu haben, ist ein Riesenprivileg“, sagt er. „Klar gibt es jetzt in der Hauptsaison auch stressige Situationen, aber für mich fühlt sich das ganz eindeutig nach positivem Stress an.“ Er genießt den Kundenkontakt und den direkten Draht zum Team.
Dass er ausgerechnet in der Motorradwelt seine größte berufliche Zufriedenheit erlebt, überrascht ihn manchmal selbst. Nach Jahren in Konzernstrukturen schätzt er beim Motorradhändler vor allem die direkte Arbeit, das Selbstverständliche im Umgang miteinander. Jeder könne Fragen stellen, jeder helfe weiter, niemand mache sich größer. „Das ist ehrliche, bodenständige Arbeit.“
Vielleicht hat er genau danach gesucht. Früher ging es um Zahlen und Strategien, heute begleitet er Menschen auf ihrem Weg zum Motorrad. Er berät zu Fahrzeugen, Finanzierung und Zubehör, organisiert die Abläufe bis zur Auslieferung und findet Lösungen bei Umbauwünschen. Die Arbeit ist vielseitig: Wenn nötig, räumt Uwe Kastens auch mal ein Regal im Store ein. „Im Konzern war vieles weit weg. Hier schließt man Dinge ab“, sagt er. Die Ergebnisse seiner Arbeit sind sofort sichtbar, Probleme werden direkt gelöst. „Und es gibt unmittelbares Feedback.“
„Die innere Stimme weiß, wie viel Feuer man noch hat.“
Uwe Kastens, Motorradfan und Aktivrentner
Weil es sich richtig anfühlt
Uwe Kastens spricht nicht wie jemand, der seinem früheren Leben hinterhertrauert. Im Gegenteil, er mochte seinen alten Beruf, er war erfolgreich. Aber die Zufriedenheit, die er heute hat, ist tiefer. „Das ist Lebensfreude, die ich hier spüre. Ich gehe jeden einzelnen Tag sehr gerne zur Arbeit.“
Seine Frau bestärkt ihn bei all dem. Sie selbst muss noch ein paar Jahre arbeiten, pendelt von Berlin nach Magdeburg. Und auch wenn seine Samstage im Laden von der knappen gemeinsamen Zeit abgehen, sie merke, wie wichtig der Schritt für ihn ist, sagt Uwe Kastens. „Sie ist froh, dass das geklappt hat. Vielleicht hätte ich mich sonst zu sehr verändert.“ Heute spricht er mit seinen Freunden wieder gerne über sein Leben, über das, was ihn um- und antreibt. Die, die ihn kennen, wissen, dass sich für Uwe Kastens mit diesem Job kein neues Kapitel aufmacht, sondern ein Kreis schließt. „Wenn man positiv gestimmt ist, ist das ja auch gut für das Umfeld.“
Natürlich spielt auch Geld eine Rolle. Modelle wie die neue Aktivrente machen das Weiterarbeiten als Rentner zusätzlich attraktiv. Für Uwe Kastens war das nicht entscheidend. So viel Freude, wie ihm der Job macht, würde er ihn vermutlich auch machen wollen, wenn er steuerlich mehr zahlen müsste. Denn er geht mit dem guten Gefühl zur Arbeit, am richtigen Ort zu sein. Weil er etwas wiedergefunden hat, das lange unter Verantwortung und Terminen verborgen lag: echte Begeisterung.
Sein Strahlen hat Uwe Kastens wiedergefunden. „Für diese Chance bin ich meinem Chef sehr dankbar“, sagt er. Aktuell hat er sechs Monate Probezeit, das findet er fair. Natürlich hofft er, dass die Reise weitergeht. „Allein, dass ich freiwillig um sechs Uhr morgens aufstehe und mich auf die Arbeit freue, zeigt mir, dass ich genau das Richtige mache.“
INFO
Weiterarbeiten lohnt sich
Die sogenannte Aktivrente ist keine zusätzliche Rentenart, sondern ein monatlicher Steuerbonus von bis zu 2.000 Euro. Den erhalten Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, wenn sie die Regelaltersgrenze erreicht haben und darüber hinaus einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen. Damit bleibt ein erheblicher Teil des Hinzuverdienstes steuerfrei – auch zusätzlich zur Rente. Die Aktivrente muss nicht beantragt werden, der Arbeitgeber berücksichtigt den Freibetrag automatisch.