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Hier bin ich nicht allein!

Im Pflegeheim Haus Rheinaue bei Freiburg packen Angehörige mit an. Der stationär-ambulante Ansatz ist in Deutschland so einzigartig wie umstritten.

Barbaralore Willmann ist 89 Jahre alt. Sie lebt gern im Heim. Zu Hause wäre sie meist einsam.
Darum sollten Sie diesen Artikel lesen:

Erfahren Sie hier, wie aktivierende Pflege und gemeinsames Mitmachen die Selbstständigkeit im Alter fördern und den Pflegealltag neu gestalten können.

Text: Christoph Lixenfeld
Prävention
03/2026

Barbaralore Willmann muss nicht auf ihre Finger schauen, wenn sie Kartoffeln schält. Jeder Handgriff sitzt, während sie – quasi nebenbei – ihre Geschichte erzählt. Und dabei viel lacht, auch über die nicht so lustigen Stellen. Die Küchenzeile, vor der die 89-Jährige sitzt, ist Teil eines großen Aufenthaltsraums. Links an einem Tisch sitzen sechs weitere Bewohner, die Gemüse putzen oder Zwiebeln schneiden. Weiter rechts steht eine Sofagarnitur mit Fernseher, Licht fällt von zwei Seiten in den eidottergelb gestrichenen Raum.

Es ist elf Uhr vormittags an einem Mittwoch und im Haus Rheinaue wird das Mittagessen vorbereitet. In der Wohngruppe Dorfblick gibt es heute Rosenkohl mit Zwiebeln, Kartoffeln und Bratwurst. In der Einrichtung leben 56 Menschen in vier Wohngruppen. In jeder von ihnen wird täglich frisch gekocht – und zwar nicht für die Bewohnerinnen, sondern mit ihnen. Gemeinsam leben, gemeinsam kochen: In Wyhl am Kaiserstuhl, einer Gemeinde mit 4.000 Einwohnern rund 30 Kilometer nordwestlich von Freiburg nahe der französischen Grenze, lässt sich eine Zukunft der Altenpflege besichtigen – in Deutschlands erstem Mitmachheim.

So selbstständig wie möglich

Die Menschen, die hier leben, sollen so selbstständig wie möglich bleiben. So wie Frau Willmann, die ihren Topf mittlerweile mit geschälten Kartoffeln gefüllt hat. Sie und ihr Mann hatten bei der jüngsten Tochter im benachbarten Forchheim gewohnt – und wollten auch dort bleiben. Doch vor drei Jahren stürzte Frau Willmann und brach sich einen Steißknochen. Im Krankenhaus bekam sie Besuch von Elena Kaufmann, der Einrichtungsleiterin von Haus Rheinaue; die Frauen kannten sich bereits. Kaufmann überzeugte sie und Frau Willmann zog ein. Vier Wochen später folgte ihr Mann, „weil der ja ohne mich auch nicht zu Hause bleiben konnte“. Obwohl ihr Mann rund ein halbes Jahr später starb und obwohl sie zu diesem Zeitpunkt schon wieder relativ fit war, wollte Barbaralore Willmann im Haus Rheinaue bleiben: „Die Kinder sind tagsüber arbeiten, ich wäre zu Hause ja den ganzen Tag allein. Im Haus Rheinaue bin ich es nicht.“ Hier kann sie zum Beispiel mit Mina Kölblin quatschen, die heute den Rosenkohl putzt – und generell immer gerne mithilft. „Wenn ich nichts zu tun habe, dann komme ich mir irgendwie leer vor“, verrät die 93-Jährige mit einem entspannten Lächeln.

Die konsequent umgesetzte aktivierende Pflege durch Mitmachen wird hier besonders intensiv gelebt. Außerdem bietet Haus Rheinaue eine in Deutschland einzigartige Kombination von stationärer und ambulanter Versorgung: „Stambulante Pflege“, wie sein Erfinder das Konzept nennt. Kaspar Pfister ist der geschäftsführende Gesellschafter der BeneVit-Gruppe, zu der Haus Rheinaue gehört. Hier und nur hier kommt für die Grundpflege – also für die Hilfe beim Waschen, beim Toilettengang oder beim Ankleiden – ein ambulanter Pflegedienst ins Haus. Die sogenannte Behandlungspflege dagegen übernehmen fast ausschließlich die im Heim fest angestellten Pflegefachkräfte. Hierzu gehören Wundversorgung, Medikamentengabe, Injektionen oder das Notfallmanagement. Und weil diese examinierten Mitarbeiterinnen von den beschriebenen Routineaufgaben befreit sind, haben sie neben der Behandlungspflege Zeit für Zuspruch, Trost und Unterstützung – oder schlicht für einen Plausch bei Kaffee und Kuchen.

„30 Prozent der Bewohner im Haus Rheinaue erfahren eine messbare Verbesserung ihres Zustands.“

Kaspar Pfister, Gründer der BeneVit-Gruppe

Ein älterer Mann sitzt am Tisch und schält Kartoffeln.

Weniger Druck aufs Personal

Niemand müsste sich drei Jahre hart ausbilden lassen, um dann Betten zu machen oder fünf bis sechs Bewohner im Akkord zu waschen“, ist Einrichtungsleiterin Elena Kaufmann überzeugt. Natürlich erfordert das Waschen von Pflegebedürftigen Kenntnisse zur korrekten Lagerung, dem Vorbeugen von Liegebeschwerden oder der Wundpflege. Dennoch hat sich die Einrichtungsleiterin davon überzeugt, dass dafür auch kürzer geschultes ambulantes Personal einsetzbar ist. In Pflegeheimen, in denen ambulante Pflegedienste keinen Zutritt haben, können Pflegefachkräfte zwar meist auch auf Betreuungsassistenten und Pflegehilfskräfte zurückgreifen, müssen im Regelfall aber dennoch vieles selber machen. 

Diese Erfahrung hat auch die 23 Jahre alte Lea Sophie Dilger gemacht. In weißer Hose und rotem Oberteil steht die examinierte Pflegefachkraft vor dem offenen Medikamentenschrank und dosiert mit einem Flacon das Medikament für einen Bewohner tropfenweise in den Einnahmebecher.

Dilger arbeitet seit gut einem Jahr im Haus Rheinaue. Vor ihrem Abschluss wechselte sie dreimal die Ausbildungsstelle: „Wenn ich nicht hier gelandet wäre, hätte ich mir nach der Ausbildung einen anderen Job gesucht. Ich hätte die Pflege verlassen.“ Den Modellversuch im Haus Rheinaue inklusive Einbindung des ambulanten Dienstes ermöglicht eine Ausnahmegenehmigung, die unter Federführung der AOK Baden-Württemberg und ihres Vorstandsvorsitzenden Johannes Bauernfeind zustande gekommen ist. Zu seinen Profiteuren zählen nicht nur die Bewohner und die Mitarbeiterinnen, sondern auch die Pflegeversicherung selbst.

Einsparungen bis zu 30 Prozent

Denn erstens kommt „stambulante“ Pflege mit weniger Fachkräften aus als die rein stationäre und spart dadurch Geld. Haus Rheinaue beschäftigt sechs feste Vollzeitpflegekräfte, in anderen baden-württembergischen Heimen vergleichbarer Größe sind es im Schnitt 9,6. Zweitens verbessert sich durch das Mitmachkonzept „bei etwa 30 Prozent unserer Bewohner der Allgemeinzustand so, dass sie im Pflegegrad zurückgestuft werden können“, rechnet BeneVitChef Pfister vor.

In Pflegeheimen gilt grundsätzlich: Je höher die Pflegegrade der Bewohner, desto mehr Geld bekommen die Heime für Personal – obwohl der Zeitaufwand zum Beispiel für jene Bewohner, die das Pflegebett nicht mehr verlassen können, geringer sein kann als für die beweglichen, aktiven, die beispielsweise Aufsicht, Orientierungshilfe und Aktivierung oder Begleitung zur Toilette und zu Mahlzeiten brauchen.

Die stambulante Pflege im Haus Rheinaue kostet die Kranken- und Pflegekassen pro Bewohner bis zu 30 Prozent weniger als die in einem konventionellen Heim, wie die AOK Baden-Württemberg bestätigt. Gründe dafür seien unter anderem weniger Krankenhauseinweisungen dieser Bewohner und ihr längerer Verbleib im gleichen Pflegegrad, so das Ergebnis eines Evaluationsberichts des IGES-Instituts für den Spitzenverband Bund der Krankenkassen.

Ein Mann saugt ein gelbes Zimmer mit einem Staubsauger

Kaspar Pfister betreibt mit seinem Unternehmen 27 stationäre Pflegeeinrichtungen, die er alle auf das stambulante Konzept umstellen möchte. Ob ihm das gelingt, ist offen (siehe Kasten auf Seite 9). Laut einer Erhebung der Dualen Hochschule Baden-Württemberg ist die Lebensqualität der Bewohner von Haus Rheinaue nahezu ebenso hoch wie die einer daheim lebenden Vergleichsgruppe.

Gruppenfoto von Bewohnern, Angehörigen und Leiterin des Hauses.

Als Mina Kölblin vor zwei Jahren hier einzog, saß sie im Rollstuhl, weil sie gestürzt war und sich die Hüfte gebrochen hatte. Im Haus Rheinaue bekam sie Krankengymnastik und intensives Training, nach vier Wochen konnte sie wieder am Rollator laufen.

Zurück zur Tochter zu ziehen war dennoch auch für sie keine Option, wie Schwiegersohn Rüdiger Deck, der jetzt neben ihr sitzt, betont. Wie an fast jedem zweiten Tag der Woche ist der agil und jünger wirkende 66-Jährige mit dem grauen Bart heute zu Besuch im Haus Rheinaue. Zusammen mit seiner Frau wohnt er zwei Orte weiter in Teningen, „in einem Fachwerkhaus von 1787 mit Schwellen zwischen den Räumen“, wie Deck es beschreibt. „Selbst mit ihrem Rollator könnte meine Schwiegermutter sich bei uns gar nicht ohne Hilfe von einem Zimmer ins nächste bewegen.“ Im Haus Rheinaue kann sie das problemlos.

„Am Anfang war mein größtes Problem die Angst, wieder zu fallen, auch mit Rollator“, sagt Kölblin, die trotz ihrer 93 Jahre klar und aufgeräumt wirkt. „Aber ich wollte ja dabei sein, mitmachen, und dazu musste ich in der Lage sein, selbstständig mein Zimmer zu verlassen.“ Mina Kölblin überwand ihre Angst.

Heimleiterin Elena Kaufmann (l.), Pflegerin Lea Sophie Dilger und Dienstleiterin Anna Botezagu.

Wer mit anpackt, spart Geld

Während seine Schwiegermutter zu Mittag isst, geht Rüdiger Deck hinüber in ihr Zimmer, mit der rechten Hand schiebt er einen Staubsauger vor sich her. Auch dieser Raum ist hell und wohnlich. Nur der unbenutzte Rollstuhl vor dem Fenster erinnert noch an Mina Kölblins Anfänge in diesem Haus. Rüdiger Deck lässt den Sauger aufheulen und beginnt seinen Job. Deck saugt das Zimmer der Schwiegermutter regelmäßig, er wischt auch Staub. „Mitmachheim“ bedeutet, dass nicht nur die Bewohner mitmachen beim Kochen, Tischdecken oder Wäschefalten, sondern auch ihre Angehörigen – vorausgesetzt, sie möchten dies und sehen sich dazu in der Lage.

 Ein Job ist das insofern, als Rüdiger Decks Familie durch seinen Einsatz 200 bis 300 Euro pro Monat weniger zuzahlen muss für Mina Kölblins Heimplatz. Wobei die Art der Unterstützung ganz unterschiedlich sein kann. Die Tochter von Barbaralore Willmann zum Beispiel sortiert einmal pro Woche die ihrer Mutter verschriebenen Medikamente nach Wochentagen in eine Tablettenbox und koordiniert ihre Arzttermine. Selbst Familien, die nicht mithelfen, müssen für einen Platz im Haus Rheinaue weniger zuzahlen als in einem konventionellen Heim, vor allem dank eines effizienteren Personaleinsatzes.

Als Rüdiger Deck zurückkommt in den Aufenthaltsraum, sitzt Einrichtungsleiterin Kaufmann neben einer weinenden Bewohnerin, den linken Arm um ihre Schultern gelegt. Die Frau berichtet leise, fast flüsternd, von einem Konflikt in der Familie. Kaufmann hört aufmerksam zu, spricht ihr Mut zu, drückt sie.

An einem der anderen Tische sitzen acht Bewohnerinnen zusammen, Kaffeetassen stehen auf dem Tisch, in der Mitte ein Apfelkuchen. Thea Haack feiert heute ihren 90. Geburtstag. Ihr Sohn Dietmar Haack ist natürlich auch dabei. Der 71-jährige Ex-Kriminalbeamte kann anders als Rüdiger Deck aus gesundheitlichen Gründen nicht mithelfen im Heim. Und ist umso glücklicher, dass es seiner Mutter so gut geht. „Vor zehn Jahren“, so Haack, „war sie weniger fit als heute. Das liegt sicher auch an den guten zwischenmenschlichen Kontakten, die sie hier hat.“ Während ihr Sohn spricht, hört Thea Haack lächelnd zu. Rechts von ihr sitzt Mina Kölblin. Die beiden Frauen halten sich auf dem Tisch bei der Hand – und sehen ziemlich glücklich aus.

Eine alte Dame mit grauem Haar sitzt lächelnd in einem gelbem Zimmer im Rollstuhl.

3 Fragen an die Rentenexpertin

„Pflegende erhalten einen Rentenbonus“

Katja Braubach: Die Expertin der Deutschen Rentenversicherung weiß, wie sich die häusliche Pflege auf die Rente auswirkt.

Wie kann die häusliche Pflege einer anderen Person die eigene Rente erhöhen?
Katja Braubach: Wer eine Person mit Pflegegrad 2 oder höher zu Hause pflegt, etwa eine Angehörige, einen Freund oder eine Nachbarin, für den zahlt die Pflegeversicherung Beiträge in die Rentenkasse ein.

Wie genau wirken sich diese Beiträge auf meine Rente aus? 
Das hängt vom Pflegegrad der gepflegten Person ab. Ein Jahr Pflege eines Menschen mit Pflegegrad 2 bringt ein Plus in der Rente von mindestens sieben Euro monatlich. Bei Pflegegrad 5 sind es bis zu 39 Euro. 

Welche Voraussetzungen muss ich dafür erfüllen und wie beantrage ich diese Zahlungen?
Die Pflege muss mindestens zehn Stunden pro Woche an mindestens zwei Tagen umfassen und zu Hause stattfinden, nicht im Heim. Außerdem darf der Pflegende in seinem Beruf nicht mehr als 30 Stunden pro Woche arbeiten. Beantragt werden die Zahlungen nicht bei der Renten-, sondern bei der Pflegeversicherung über einen leicht verständlichen Fragebogen.

Aktuell wird eine Pflegereform diskutiert, mit der die Pflegeversicherung an Herausforderungen der kommenden Jahre angepasst werden soll.

Die Broschüre dazu: www.t1p.de/pflegerente 

Zum Fragebogen: www.t1p.de/pflegefragebogen

Daten & Fakten

Pflege im häuslichen Umfeld

2 Geringster Pflegegrad

für den Pflegende im häuslichen Umfeld Rentenansprüche erwerben können.

10 Stunden
pro Woche müssen Pflegende dazu mindestens aufwenden.

7 bis 39 Euro
monatlich mehr Altersrente ergibt sich nach einem Jahr Pflege für den Pflegenden.

4,89 Mio. Pflegebedürftige wurden 2023 zu Hause versorgt.

56 Prozent der Pflegenden vereinen Pflege und Beruf.

86 % Frauenanteil: Der Löwinnenanteil aller ehrenamtlichen Pflegepersonen war 2022 weiblich. Zehn Jahre zuvor lag diese Quote sogar noch bei 90,6 Prozent.

Quellen: Statista 2025, Deutsche Rentenversicherung 2026, Statistisches Bundesamt

INFO

„Stambulante“ Pflege: Inselidee oder Lösung?

Die Kombination von stationärer und ambulanter Versorgung nennt Kaspar Pfister „stambulante Pflege“. Pfister ist geschäftsführender Gesellschafter der 27 Pflegeheime starken BeneVit-Gruppe. In einem „stambulanten“ Heim kommt ein ambulanter Dienst ins Haus und übernimmt die Grundpflege. In herkömmlichen Heimen kann so etwas nicht abgerechnet werden, weil die Pflegeversicherung ambulant und stationär streng voneinander trennt.

Ob der Pflegeunternehmer sein 2014 als Modellversuch gestartetes Konzept ab 2027 auf ganz Deutschland ausdehnen kann, ist ungewiss. Seit Januar 2026 wäre das zwar bundesweit gesetzlich möglich. Allerdings haben die Branchenverbände bis Ende des Jahres Zeit, sich auf Empfehlungen für die Versorgungsverträge zu einigen. Der Verband der Ersatzkassen (vdek) hält „isolierte Modellversuche“ wie in Wyhl für „fachlich wie politisch nicht zielführend“, weil so „parallele Strukturen“ geschaffen würden.

Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste, der ambulante Pflegedienste und mehr als ein Drittel der deutschen Heime vertritt, kritisierte im Juli 2025: „Das Stambulant-Modell ist eine regionale Inselidee und keine Hilfe bei der Lösung der Versorgungsprobleme.“ Bestehende Grundprinzipien der Pflegeversicherung sehen die Ersatzkassen gefährdet. In ihrer Stellungnahme warnten sie bereits 2025 davor, dass die Einbindung von Angehörigen „haftungsrechtliche, ethische und pflegefachliche Fragen“ aufwerfe. Wenn professionelle Pflegeleistungen auf Laien abgewälzt würden, bestehe das „Risiko der Überforderung“.

Mindestens 34 Bürgermeister aus Baden-Württemberg und Bayern hingegen fordern die Einführung der stambulanten Pflege als Regelleistung.

Weitere Infos: www.benevit.net