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Zwischen Bobbycar und Rollator

In einem Mehrgenerationenhaus in Sprockhövel leben 23 Erwachsene und zehn Kinder zusammen. Für die Bewohner ist das Projekt weit mehr als gemeinsames Wohnen. Es ist gegenseitige Unterstützung im Alltag und ein Modell dafür, wie Generationen voneinander profitieren können.

Einige Personen befinden sich vor der Tür eines Gebäudes.
Darum sollten Sie diesen Artikel lesen:

Der Artikel zeigt, wie ein Mehrgenerationenhaus Gemeinschaft, gegenseitige Unterstützung und ein selbstbestimmtes Leben fördern kann.

Text: Sara Schwedmann
Prävention
Nordrhein-Westfalen
03/2026

Es ist kurz nach zehn Uhr, als auf dem Innenhof plötzlich Bewegung entsteht. Emil schiebt seine kleine Schubkarre über das Pflaster, irgendwo schlägt eine Tür zu, aus dem Gemeinschaftsraum riecht es nach Kaffee. Über den offenen Laubengang lehnt sich Dagmar nach vorne und ruft hinunter: „Emil, wo willst du denn jetzt noch den ganzen Mulch hinfahren?“ Der Vierjährige grinst nur und zieht weiter. Nach viel Privatsphäre klingt das nicht. Aber es scheint zu funktionieren.

„Man nimmt einfach Rücksicht aufeinander.“

Alfons Eilers, Mitgründer des Spro:Wo

Im Mehrgenerationenhaus Spro:Wo in Sprockhövel wohnen 23 Erwachsene und zehn Kinder zusammen. Die jüngste Bewohnerin ist Emils kleine Schwester, sie ist zwei Jahre alt, der älteste Bewohner 74. Sieben Wohnungen sind öffentlich gefördert, sieben frei finanziert. Von außen ist nicht zu erkennen, wer wo wohnt. Das ist so gewollt. Kim lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im Erdgeschoss, direkt am Innenhof. Die Tür nach draußen steht oft offen. Emil ist ihr mittleres Kind. Der älteste Sohn ist Autist. „Das hier ist wie ein sicherer Hafen“, sagt sie und blickt hinaus auf den Hof. Früher habe die Familie in einem Haus gelebt, in dem man die Nachbarn kaum kannte. „Man lief mit Scheuklappen aneinander vorbei“, erzählt die 36-Jährige. Heute sei fast immer jemand da. Gerade mit einem Kind im Autismus-Spektrum sei das unbezahlbar. Deshalb entschied sich die Familie bewusst für Offenheit. Gemeinsam mit ihrem Mann organisierte Kim sogar einen Informationsnachmittag für die Hausgemeinschaft. Die beiden erklärten, was Autismus bedeutet, warum Berührungen schwierig sein können und weshalb bestimmte Situationen schneller eskalieren als bei anderen Kindern. „Viele verbinden damit immer noch alte Bilder“, sagt Kim. „Dabei ist jedes Kind anders.“ Einmal bekam ihr Sohn draußen einen „Meltdown“, einen emotionalen Ausbruch. Zwei Nachbarn kümmerten sich um die Geschwisterkinder, andere erklärten besorgten Passanten die Situation. „Da wusste ich: Wir sind hier nicht allein.“

Die Idee für das Wohnprojekt entstand während der Corona-Zeit. „2020 fing das an, aus Corona-Langeweile“, erzählt Alfons Eilers und lacht. Gemeinsam mit anderen Interessierten entwickelte er die Idee eines Mehrgenerationenhauses auf dem Gelände der ehemaligen Feuerwache in Niedersprockhövel. Erst traf sich die Gruppe digital, später plante man gemeinsam Grundrisse, Gemeinschaftsflächen und Regeln fürs Zusammenleben.

Drei Personen posieren im Hinterhof von einem Gebäude.

Heute wirkt das Haus weniger wie ein Neubauprojekt denn wie ein kleines Dorf. Im Gemeinschaftsraum wird mal gemeinsam gefrühstückt, Fußball geschaut oder Geburtstag gefeiert. Eine afghanische Nachbarin brachte einmal selbst gebackene Fladenbrote vorbei, weil sie gesehen hatte, dass draußen im Hof noch gearbeitet wurde. Zum Ende des Jahres gab es keine Weihnachtsfeier, sondern ein Jahresabschluss-Fest. Die Hausgemeinschaft achtete darauf, dass auch die muslimische Familie sich willkommen fühlt, auch beim Essen. „Man nimmt einfach Rücksicht aufeinander“, sagt Alfons Eilers.

Auch Dagmar, pensionierte Grundschullehrerin, bringt sich ein. Inzwischen unterstützt sie Kinder aus dem Haus beim Lesenlernen. Angefangen habe alles mit einer einfachen Frage einer Nachbarin. Heute sitzen regelmäßig Kinder bei ihr am Tisch, lesen Bücher oder üben Mathe. „Das ist keine klassische Nachhilfe“, sagt Der Hof bietet ausreichend Platz für Feste oder Zusammenkünfte. Dagmar, die mit ihrem Mann aus Datteln nach Sprockhövel gezogen ist. „Es ist eher gemeinsames Lernen.“

Dass Hilfe hier selbstverständlich ist, zeigt sich immer wieder im Alltag. Als im Frühjahr mehr als tausend Pflanzen gesetzt werden mussten, halfen Bewohner gemeinsam dabei. Wer nicht selbst zu Schippe und Harke greifen konnte, kochte oder machte Salate. Die Kinder schleppten Mulch durch den Garten. „Ohne Emil hätte ich das am Ende gar nicht geschafft“, erinnert sich ein Nachbar. Werkzeug wird geteilt, Möbel weitergegeben, über die Messenger-Gruppe fragt jemand spontan nach Tortenguss oder einer Bohrmaschine. Vier Parteien wollen sich bald sogar ein gemeinsames Elektroauto teilen. Für Alfons Eilers steckt hinter all dem noch mehr. Er sieht das Projekt auch als Antwort auf eine Gesellschaft, in der sich Menschen zunehmend voneinander abschotten. „Früher hat man angehalten, wenn jemand mit Gehhilfen am Straßenrand stand“, sagt er. „Heute bleibt jeder in seiner eigenen Blase.“

Ein Fest wird im Hinterhof zelebriert.

Vielleicht ist das der größte Unterschied zu vielen anderen Wohnhäusern: Niemand muss hier allein bleiben, aber jeder darf. Alle Wohnungen haben eigene Küchen, Balkone oder Terrassen. Wer Ruhe braucht, zieht sich zurück. Wer Gesellschaft sucht, findet sie meist schon wenige Schritte weiter unten im Hof. Für Kim ist genau das entscheidend. „Es geht nicht darum, ständig aufeinanderzuhocken“, sagt sie. „Es geht darum zu wissen, dass jemand da wäre.“ Ein sicherer Hafen eben.

Mehr Infos unter:
www.sprowo.de