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Die Klamotten des Todes

Hajo Schumacher ist zurück. Zum Auftakt entdeckt er, dass nicht alles schlecht ist, was die Boomer bieten. Er schreibt ab jetzt abwechselnd mit Ninia LaGrande.

Farbige Illustration von zwei Personen, bei der eine jüngere Person einer älteren Person freudig eine braune Strickjacke präsentiert.
Darum sollten Sie diesen Artikel lesen:

Dieser Artikel zeigt auf eine humorvolle und selbstironische Weise den modischen Generationenkonflikt zwischen Boomern und der Jugend und veranschaulicht, wie der sogenannte „Dad Style“ bei jungen Leuten plötzlich wieder voll im Trend liegt.

Text: Hajo Schumacher
Prävention
03/2026

Ich sage das hier ganz offen: Ich mag Karohemden, gern auch Button-down. Oder weiße Socken mit gelbem und grünem Ringel an einem Bündchen, das auf halber Wade sitzt, wo es nicht so tief einschneidet. Und Cargohose natürlich, mit wunderbaren Seitentaschen für den Alltagskrempel. Dazu die alten Jogging schuhe, hergestellt schätzungsweise im Geburtsjahr von Dieter Baumann, und zack: immer gut angezogen.

Jahrelang verhöhnten mich die Söhne. „Dad Style“ nannten sie meine zeitlose modische Garderobe, was bei nachlässigem Hinhören wie „Dead Style“ klingt. Übersetzung: Klamotten des Todes. Wer so was anzieht, hat mit dem Leben abgeschlossen. Boomer halt.
Als ich mich neulich mal wieder schick machen wollte, klaffte eine Lücke dort, wo das liebste meiner karierten Hemden hing. Hatten die Motten all die Lavendelbeutel überrochen? Oder handelte es sich um ein textiles Attentat der Chefin des Hauses, die missliebige Stücke immer wieder unauffällig im Altkleiderbeutel verschwinden lässt? Im Bad erwischt einen jungen Mann Anfang 20, der vor dem Spiegel ein mir bekanntes Hemd zurechtzupfte. „Dad Style?“, fragte ich. Er antwortete ungerührt: „Total angesagt.“ Dann schnupperte er an meinen beiden Rasierwässern, um sich für das deutlich teurere zu entscheiden.

Der Schwund im Schrank setzte sich fort. Erst fehlte meine Lieblingsstrickjacke (mit Leder an den Ellbogen), dann zwei Paar hochbetagter Laufschuhe, schließlich alle Button-down-Hemden. Zum Glück lagern im Keller mangels Schrankplatz noch einige Kisten mit kostbaren Textilien – der Barolo des kleinen Mannes. Als die Chefin beim Yoga war, wuchtete ich einen Karton nach oben. Die Beute: zwei Mäntel, Trench und Loden, abgewetzte Gesundheitslatschen in den Sommerfarben Schlamm und Leberwurst, die langen Comicsocken, die der Radfahrer so schätzt, weil sich das Hosenbein hineinstopfen lässt, und jener Sonnenblumen-Pyjama aus feinstem Polyacryl, der die Heimsauna ersetzt. „Voll vintage“, jubilierte der Junge. Die Krachlederne legten wir erst mal zur Seite.
 

Boomer sind ja so „vintage“

Tags darauf ein scharfes Verhör durch die Chefin: Ob ich den Sohn derart ausstaffiert hätte? Loden über Sonnenblumen sei ästhetisch gerade noch hinzunehmen. Aber die Donald-Duck-Strümpfe in den Latschend, die gingen entschieden zu weit. „Vintage“, antwortete ich und guckte wie der junge Christian Dior. Die Slimfit-Jeans, die der Sohn mir im Tausch gegen meine Cargo-Shorts überlassen hatte, kniff ein wenig. Hinsetzen ging nicht. Egal. Mode kommt von Mut. Und Vintage-Mode kommt vom Boomer.

Freigestelltes Porträt von Hajo Schumacher mit Ergrautem Haar, Ergrautem Bart und schwarzem Hemd vor weißem Hintergrund.
Hajo Schumacher

ist Kolumnist fürs Hamburger Abendblatt und radioeins vom RBB. Mit Suse Schumacher (62), Psychologin, und seinem älteren Sohn Paul (32), Gartenbauer, produziert er den „Mutmachpodcast“.

Hajo auf Instragam: @hajoschumacher