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„Ich hatte beruflich nichts zu verlieren“

Ina Alexandrow alias Peachy über ihren langen Weg zur Selbstständigkeit, eine Musikkarriere mit Hindernissen und warum ihr Authentizität wichtiger ist als jeder Plattenvertrag.

Darum sollten Sie diesen Artikel lesen:

Der Artikel zeigt auf unterhaltsame Weise, wie unterschiedlich die Generationen ticken und welche Erwartungen sie an die Arbeitswelt haben. Er regt dazu an, eigene Einstellungen zu Beruf, Zukunft und Lebensplanung zu hinterfragen.

Interview: Hilmar Poganatz
Altersvorsorge
03/2026

Instagram-Comedy

Auf ihrem Instagram- Kanal stellt Peachy fünf Frauen aus fünf Generationen dar, die in einem Büro zusammenarbeiten. Dabei parodiert sie typische Denkweisen der verschiedenen Altersstufen.

Claudia

Gen X 

1965 – 1980

Wir suchen Leute, für die der Laptop auch im Urlaub kein Briefbeschwerer ist. Wenn ich Freitagabend um zehn anrufe, weil es brennt, helfen Sie dann löschen oder müssen Sie erstmal ihren Therapeuten anrufen?“

Hey Ina, dein Comedy-Format „Vorgesetzt" ist innerhalb weniger Monate viral gegangen. Wie bist du überhaupt auf das Generationen-Thema gekommen?
Anfang 2025 habe ich beschlossen, auf Social Media einfach das zu machen, was natürlich aus mir rausfließt – ohne den Druck, mich perfekt darzustellen. Generationen haben mich schon immer interessiert, weil man ihnen jeden Tag begegnet: beim Einkaufen, im Büro, überall. Mich fasziniert die Frage: Warum sind wir so, wie wir sind – und was hat unsere Generationenzugehörigkeit damit zu tun? Das Thema hat sich dann einfach verselbstständigt. Das war gar nicht so geplant. Mein allererstes Reel, das in diese Richtung ging, hat noch einen Boomer gezeigt, der alles ausgedruckt haben wollte – ein sehr typisches Klischee. Aber die Resonanz war sofort da.


Und wann entstanden die Charaktere wie Gen-Alpha-Hazel oder die Generation-X-Chefin Claudia Stahl?
Die ersten Reels dieser Richtung kamen im Februar 2025. Die Charaktere haben sich nach und nach entwickelt – Hazel zum Beispiel kam dann erst im Sommer dazu. Ich war dankbar und überrascht über die positive Resonanz. Die Kommentare inspirieren mich auch heute noch enorm. Viele Zuschauer schreiben aus ihrer eigenen Perspektive, teilen Erfahrungen, die sie selbst gemacht haben. 


Woher kommen die Ideen für deine Figuren und Geschichten?
Das ist ein großer Mix aus meinem direkten Umfeld, aus Situationen, die ich selbst erlebe, und aus Geschichten, die mir erzählt werden. Das sind viele kleine Puzzleteile, die ich neu zusammensetze und daraus eigene Geschichten mache, die aber alle authentische Teile in sich tragen. Manchmal denkt man, es ist überspitzt – und dann stellt sich heraus, es ist eine echte Geschichte. 


Du siehst dich selbst nicht als „Comedienne“. Was bist du dann?
Für das Finanzamt wäre ich Influencerin, weil ich so mein Geld verdiene. Tatsächlich sehe ich mich nicht als Comedienne. Wer Comedy macht, muss sich auch auf die Bühne stellen und witzig sein können. Bislang sehe ich mich eher als Geschichtenerzählerin. Aber wenn ich ehrlich bin, wüsste ich gar nicht so genau, in welcher Kategorie ich mich aktuell einordnen sollte.
 

LAURA

Millenial 
1981 – 1995 

Kann ich das Feuer auch remote von zu Hause aus löschen?“

Dabei war eine Karriere als Entertainerin ursprünglich gar nicht dein Plan. Du hast erstmal an einer Elite-Uni in London studiert, dann als Unternehmensberaterin in der Ukraine gearbeitet – nur um plötzlich Straßenmusikerin zu werden. Wie kam es dazu?
Ich hatte das Gefühl, Sängerin zu werden sei keine richtige Option. Mein Vater war zwar Musiker, aber in meiner ganzen Familie sind sonst alle angestellt, niemand ist hauptberuflich Künstler. Daher fehlte mir vielleicht einfach der Mut. Aber der Wunsch, Sängerin und Songwriterin zu werden, war so stark, dass ich ihn nicht loswerden konnte. Irgendwann wurde ich damit unglücklich und habe gesagt: Es geht nicht mehr, ich muss das jetzt probieren. Dann bin ich in einer Art Nacht-und-Nebel-Aktion zurück nach London gezogen und habe als Straßenmusikerin angefangen. Ich habe mich dabei extrem erleichtert gefühlt!


So gut fühlt es sich an, von einem gut bezahlten Job auf die Straße umzusteigen?
Stimmt schon, vom sozialen Prestige her ist Straßenmusikant nur einen Schritt vom Obdachlosen entfernt [lacht]. Du lässt dir von Menschen Münzen hinwerfen. Aber ich habe mich dafür ganz bewusst entschieden, denn ich wusste – als jemand, der von Null anfängt, ist das der effizienteste Weg, um an die Fähigkeiten und Ressourcen zu gelangen, die es in diesem Beruf braucht: eine gute Stimme, Bühnenpräsenz, erste Kontakte, und etwas Geld. Deshalb habe ich das „Busken“, wie man in London sagt, auch sehr ernst genommen... bei Minusgraden, bei Schnee, bei Regen – ich bin immer rausgegangen und dadurch auch sehr schnell besser geworden im Singen, im Performen, im Publikum-Verstehen. Danach spielte ich in Restaurants, dann in Hotels, schließlich hatte ich eine feste Residency in einem Luxushotel, jeden Donnerstag. Der Lohn blieb trotzdem sehr niedrig.


Dann kamen ein Major-Label-Deal, Studioaufnahmen in Los Angeles, und das Duett „Tu m’appelles“ mit Adel Tawil, das inzwischen 16 Millionen Aufrufe auf YouTube hat. Und trotzdem hat es nicht funktioniert?
Mitten in der Promophase kam Corona. Aber das war ehrlich gesagt nicht der Hauptgrund. Ich glaube, meine Musik war nicht authentisch genug. In so einer Situation spürt man als Künstler natürlich einen enormen Druck erfolgreich zu sein und endlich einen Hit zu schreiben. Gleichzeitig waren mein Team und das Label überzeugt, dass die Texte sehr selbstbewusst sein sollten, genau wie das gesamte Image. Ich habe das auch versucht rüberzubringen, war aber innerlich eher unsicher und voller Selbstzweifel. Ich habe mich grundsätzlich eher auf die Meinung anderer als auf meine eigene Intuition verlassen. Dadurch gab es einen Clash. Und wenn etwas unauthentisch ist, spüren das die Menschen, egal ob jemand genau benennen kann, woran es liegt. Für mich ist das rückblickend kein Mysterium. 
 

UTE

Boomerin

1946 – 1964

Mein einziger Therapeut ist mein Überstundenkonto – und das ist Millionär!“

War das dann auch dein persönlicher Tiefpunkt?
Nein, das war zwar schon irgendwie enttäuschend, aber durch Corona lief es bei fast allen Musikern tendenziell schlechter. Ich hatte mir dann überlegt, mich mehr auf Social Media zu konzentrieren. Dazu kam es allerdings nicht, denn durch meine erste Schwangerschaft wurde ich quasi von heute auf morgen zum Pflegefall für zehn Monate. Ich litt an einer schweren Form vom Hyperemesis Gravidarum, übermäßigem Erbrechen, jeden Tag, von Beginn bis zur Entbindung. Fast zehn Monate lang. Das ist wie eine schlimme Magen-Darm-Grippe, die einfach nicht aufhört und mit vielen Krankenhausaufenthalten verbunden ist. Da diese Erkrankung eine genetische Komponente hat, verlief meine zweite Schwangerschaft genauso. Egal, wie viel psychische Stärke man hat, irgendwann kann man dann einfach nicht mehr. Als Selbstständige steht man dann auch finanziell ganz allein da. Ich habe viele Jahre im Grunde kein Geld gehabt.


Aber dann kam 2025 der Neustart!
Ja, das könnte man so sagen. Ab dem Moment, an dem ich die Ernsthaftigkeit und das Streben nach Perfektion rausgenommen habe und einfach das verarbeitet habe, was mich bewegt und beschäftigt, lief es auf einmal gut. Ich habe schon als Kind gern meine Eltern parodiert und an meinem ersten Computer habe ich dann begonnen, kleine Videos zu schneiden.
Für mich bedeutete der Schritt kein Risiko, denn ich hatte ja beruflich nichts zu verlieren. Als dann die ersten Videos viral gingen, haben meine engsten Freunde unabhängig voneinander gesagt: „Ina, das ist wirklich am meisten du, von allem, was du jemals gepostet hast.“ Was ein wenig paradox klingt, denn ich spiele ja Charaktere, nicht mich. Aber vielleicht steckt in jedem Charakter ein bisschen was von mir. 
 

Im Herbst hast du dann deinen ersten Kinofilm gedreht – an der Seite von Elyas M'Barek, Florian David Fitz, Frederik Lau und Wotan Wilke Möhring. Eine Fortsetzung von „Das perfekte Geheimnis"…
Der Film heißt „Der perfekte Urlaub". Es war nur eine ganz kleine Rolle, aber es hat sich dennoch sehr surreal angefühlt mit dieser Riege an Schauspielern gemeinsam vor der Kamera zu stehen, wenn man bedenkt, dass ich ein halbes Jahr zuvor karrieretechnisch noch ganz am Anfang stand. Manchmal hatte ich das Gefühl, meine Identität kommt gar nicht so schnell mit. Aber ich bin wahnsinnig glücklich und fühle mich viel erfüllter als in der Zeit als Musikerin – nicht, weil mir Musik weniger bedeutet, sondern weil ich jetzt viel unabhängiger bin. Ich mache alles selbst und habe auch meine eigene Firma gegründet. Für diese neue Freiheit bin ich sehr dankbar. 
 

Emily

Gen Z 

1996 – 2010

Am Wochenende stehe ich nur für mein inneres Kind zur Verfügung“ :)

Was kommt als Nächstes?
Mein großer Wunsch ist es, die Charaktere in ein Langformat zu bringen – in eine Serie oder in einen Film. Das ist auch das, was sich meine Zuschauer in den Kommentaren am häufigsten wünschen. Die Figuren haben in meinem Kopf viel mehr Tiefe als das, was in einem kurzen Reel [Video] rüberkommt: Jede hat eine eigene Geschichte, einen Beziehungsstatus, Träume, eine Vergangenheit, sogar ein Sternzeichen und ein Geburtsdatum. Wenn man das erzählt, wird es spannend – zumal die Zuschauerinnen die Charaktere schon gut kennen. Viele identifizieren sich bereits mit einer Figur, nach dem Motto: Ich bin so eine Claudia.


Du hast mal bei einer Berliner Meisterschaft im Kampfsport gewonnen. Prägt einen so ein Erlebnis?
Wahrscheinlich ist es andersherum: Ich bin Kampfsportlerin geworden, weil ich schon immer den Drang hatte, mich hochzukämpfen. Ich will gewinnen – das sagt man ja nicht gerne laut, aber ich stehe dazu. Ich mag zudem Tennis, dieses Einer-gegen-den-anderen im Sport. Dieser Sieg damals bei der Berliner Meisterschaft im Mixed Martial Arts ist ein Moment, an den ich heute noch oft denke. Er steht sinnbildlich dafür, dass man sich auch aus einer sehr schwierigen Lage aus eigener Kraft befreien kann. Und das, glaube ich, ist der Bogen zu meiner eigenen Geschichte: Egal ob der Erfolg wieder abebbt oder es wieder schwieriger wird – die Fähigkeit, sich neu aufzustellen, die behält man. Das Vertrauen, dass man das schaffen kann, ist ganz viel wert. Ich habe oft gedacht: Das ist jetzt der neue Status. Und wurde dann wieder eines Besseren belehrt. Aber auch wenn nach einer schwierigen Phase irgendwann wieder eine gute kommt: Ich bin darauf gefasst, dass es wieder bergab gehen kann. Und ich habe mittlerweile das Vertrauen zu wissen: Auch das kriegt man wieder hin!
 

Hazel

Gen alpha 

2011 – 2025

Freitagabend arbeiten? Nein Pascal, ich denke nicht!“

Mehr Sketches von Peachy auf Instagram:
instagram.com/peachyonthegram